27/04/2026 0 Comments
Verständigungsorte: Wenn Zuhören wichtiger ist als Rechthaben
Verständigungsorte: Wenn Zuhören wichtiger ist als Rechthaben
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Verständigungsorte: Wenn Zuhören wichtiger ist als Rechthaben
Mit den „Verständigungsorten“ will der Kirchenkreis Zossen-Fläming neue Räume für gesellschaftliche Debatten schaffen. Statt auf Streit setzt das Format auf Zuhören, persönliche Erfahrungen und gegenseitiges Verständnis. Wie das funktioniert, erklärt Pfarrer und Öffentlichkeitsbeauftragter Friedemann Düring im Interview mit der Wochenzeitung "Die Kirche".
Was unterscheidet diese Gesprächsreihe von klassischen Diskussionsveranstaltungen?
Friedemann Düring: Offene Diskussionen lassen oft wenig Raum, den Hintergründen von Meinungen wirklich nachzugehen. Zudem dominieren häufig die lautesten Stimmen. Bei den „Verständigungsorten“ geht es deshalb darum zu verstehen, wie Menschen zu ihrer Haltung kommen und welche Erfahrungen dahinterstehen. Die Impulse auf dem Podium zeigen unterschiedliche Positionen, im Mittelpunkt stehen aber die Tischgespräche. Bisher gab es Veranstaltungen zu Waffenlieferungen, sozialer Gerechtigkeit und Wehrpflicht.
Welche Rolle spielt die Biografie der Teilnehmenden?
Die Biografie wird in den Tischgesprächen wichtig, die das Herzstück der Veranstaltung bilden. Jede und jeder kann sich äußern, muss es aber nicht. Zunächst notieren die Teilnehmenden ihre Meinung und reflektieren zugleich, wie sie zu dieser Haltung gekommen sind. Anschließend erzählen sie sich gegenseitig, welche Erfahrungen und Erlebnisse sie geprägt haben. Erst danach wird das Gespräch vertieft. Wichtig sind dabei klare Regeln: Alles darf gesagt werden – außer beleidigende, menschenverachtende oder verfassungsfeindliche Aussagen.
Gab es besonders herausfordernde oder überraschende Situationen?
Bisher gab es vor allem positive Überraschungen. Die Gespräche wurden schnell verständnisvoller und respektvoller. Selbst Menschen mit sehr unterschiedlichen Positionen konnten einander zuhören. Es geht nicht darum, einer Meinung zu sein, sondern sich besser zu verstehen. Bei Jugendlichen funktioniert das Modell etwas anders, weil sie oft weniger biografische Erfahrungen mitbringen.
Was ist die besondere Stärke von Kirche als Gastgeber solcher Gespräche?
Kirchengemeinden können Orte des Zuhörens und der Verständigung sein – in Kiezen, Städten und Dörfern. Theologisch betrachtet zeigt sich in diesem Format, was Kirche im Geist Jesu Christi sein kann: ein Ort der Offenheit, Wertschätzung und Begegnung – unabhängig davon, woher Menschen kommen oder welche Meinung sie vertreten. Viele Menschen schätzen genau diese Offenheit, auch wenn sie sonst wenig mit Kirche verbinden.
Was können andere kirchliche Einrichtungen mitnehmen?
Sinnvoll ist es, andere zivilgesellschaftliche Akteure einzubeziehen. So lassen sich auch Menschen erreichen, die sonst keinen Bezug zur Kirche haben. Gleichzeitig wird deutlich, dass die Themen die gesamte Gesellschaft betreffen. Hilfreich sind außerdem Impulsgeberinnen und -geber, die unterschiedliche Positionen glaubwürdig vertreten. Für die Teilnehmenden ist besonders spannend zu erfahren, welche Erfahrungen diese Menschen geprägt haben.
Die Fragen stellte Constance Bürger. Das Interview wurde in der Evangelischen Wochenzeitung "die Kirche" in der aktuellen Ausgabe (Nr. 18) veröffentlicht.
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