Groß denken und beharrlich sein

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Groß denken und beharrlich sein

Am Donnerstagabend (13.8.) sind die 16 Teilnehmenden der ökumenischen Studien- und Begegnungsreise wieder wohlbehalten in Berlin gelandet. Sie blicken auf intensive und spannende sechs Tage in Siebenbürgen/Rumänien zurück. "Alle unsere Begegnungen waren überaus bereichernd, die Besichtigungen waren spannend, informativ und wurden von allen eilnehmenden begeistert aufgenommen", fasst Rüdiger Noll, der Vorsitzende unserer AG Partnerschaften und Ökumene die Reise zusammen.

Die Stadtkirche von Hermannstadt, abends beleuchtet.
© Düring /KKZF

Ansicht der evangelischen Stadtkirche in Hermannstadt. Einsturzgefährdet konnte sie in den letzten zehn Jahren umfassend saniert werden. Auch auf Nachhaltigkeitsaspekte wurde dabei geachtet.

Und so ging es eben bei dieser Fahrt nicht nur darum, das kulturelle Erbe der Siebenbürger Sachsen kennenzulernen, dass sich in wuchtigen Kirchenburgen und prächtigen Städten wie Hermannstadt/Sibiu und Kronstandt/Brasov niederschlägt.  Das eigentliche Anliegen war, mit Menschen vor Ort zu sprechen und zu erfahren, wie die kleine evangelische Kirche Rumäniens mit nur 10.000 Mitgliedern versucht in einer orthodox geprägten Mehrheitsgesellschaft Akzente zu setzen.

Und das gelingt ihr nach dem Eindrücken dieser Reise überraschend gut. Mit Ideenreichtum und Beharrlichkeit werden Kirchenburgen und zugehörige Immobilien saniert, nach altarnativen Nutzungskonzepten gesucht. Und sie werden gefunden: etwa in der Jugendkirchenburg Holzmengen, die sich mehr und mehr zu einem europäischen Jugendbegegnungszentrum mausert. Es kommen auch Berufsschulklassen aus dem Bauhandwerk, die bei der Instantsetzung mithelfen.

Erst im vergangenen Jahr wurde dieser ehemalige Stall als schattenspendender Essbereich ausgebaut.
© Düring /KKZF

Blick auf die Kirchenburg Holzmengen
© Düring /KKZF

Europäisches Jugendbegegnungszentrum: Kirchenburg Holzmengen. Hier können Jugendliche auch einen Freiwilligendienst absolvieren und beim Aufbau des Zentrums und Bewirtung der Gäste helfen.

In Hammersdorf, das zu Hermannstadt gehört, wird um die Kirchenburg herum ein Umweltbildungszentrum entwickelt, auf den zurück erworbenen Flächen gemeinschaftlich Gemüse angebaut. Für entsprechende Gartenflächen können sich Menschen aus Sibiu und Umgebung bewerben., Und in diesem Jahr wurde auf drei Hektar ein Mischwald gepflanzt, auch mit Mitteln der aus der Klimakollekte, die der Kirchenkreis Zossen-Fläming zur CO2-Kompensation für Dienstfahrten und Veranstaltungen jährlich entrichtet.  Auch hier hat die Reisegruppe wichtige Impulse mit zurück nach Deutschland genommen.

Schild zum Umweltzentrum Hammersburg
© Düring /KKZF

Pfarrer Kilian Dörr führt durch das Umweltzentrum
© Düring /KKZF

Pfarrer Kilian Dörr führte die Gruppe durch das Gelände. Die Gemüsegärten werden gemeinschaftlich betrieben, unterirdische Wassertanks und ein Überlauf-Teich sorgen für genügend Wasser. Mit Steinen, die von der Sanierung der Stadtkirche übrig geblieben sind wurde eine Trockenmauer errichtet.

Im Dorf Alzen entsteht ein interethnisches Museum, so etwas wie das kulturelle Gedächtnis des Ortes. Und in Kleinschenk, einem Dorf in der Mitte zwischen den beiden großen Zentren Hermannstadt und Brasov/Kronstadt,, ist ein Kulturzentrum entstanden. Hier kommen einmal im Jahr internationale Künstler zusammen. Die Ergebnisse werden dann längere Zeit ausgestellt und ziehen Menschen weit über den Ort hinaus an. Aktuell ist in der Kirche eine Ausstellung mit siebenbürgisch-sächsischen Trachten zu sehen.  

Blick auf die Kirchenburg Kleinschenk
© Düring /KKZF

Ansicht der Kirchenburg Kleinschenk

In Kleinschenk denkt man dabei sogar noch größer, hat weitere Höfe an der Kirchenburg erworben und Gästewohnungen geschaffen. Echte  Ruheoasen sind das. Geplant sind solche Wohnungen auch in den ehemaligen mächtigen Wehrtürmen um die Kirche herum.  

Möglich wurde das, weil sich ein Verein um die Fördermittelaquise kümmert und eine GmbH um die wirtschaftliche Seite. Dabei hat die Kleinschenker Kirchengemeinde nur zehn Mitglieder. "Man braucht einen langen Atem und viel Zuversicht", erzählt die Initiatorin Carmen Schuster, eine ehemalige Bankkauffrau. Sie ist nebenbei auch noch Kuratorin der Landeskirche, also ehrenamtliche Leiterin der Ev. Kirche in Rumänien. In dieser Funktion hat sie auch daran mitgewirkt, die Strukturen der Landeskirche effizienter zu gestalten.

Gruppe vor der ehemaligen Evangelischen Schule
© Düring /KKZF

Carmen Schuster gibt der Gruppe einen Überblick über die zahlreichen Initiativen in Kleinschenk.

In Siebenbürgen kann man lernen, was Hoffnung und Zuversicht bedeutet. Dabei mussten die Siebenbürger Sachsen und ihre evangelische Kirche durch ein ausgesprochen tiefes Tal gehen. Schon in den 1980er Jahren, noch zu Zeiten der kommunistischen Diktatur wurden viele von Deutschland freigekauft. Nach der in Rumänien gewaltsamen Wende 1989 hielt es noch die wenigsten im Land. Sie sahen für sich und ihre Familien keine Perspektive mehr. Quasi über Nacht verschwanden viele Siebenbürger Sachsen nach Deutschland, ganze Dörfer waren plötzlich unbewohnt. Diejenigen, die gelblieben sind, mussten sich rechtfertigen, warum sie nicht auch gehen.

Ansicht auf Michelsberg mit Resten einer Kirchenburg und Dorfkirche
© Düring /KKZF

Idyllisch gelegen: Das wieder erwachende Dorf Michelsberg.

So ging es auch der Familie Henning in Michelsberg. Sie blieben bis heute. Sie betreiben eine Keramikwerkstatt und die örtliche Post. Beim reichhaltigen Abendessen konnte die Reisegruppe erfahren wie schwer diese Zeit war. Inzwischen ist alles anders geworden. Einige kehren aus Deutschland zurück und sei es nur für die Sommermonate. Sie kümmern sich wieder um ihre Häuser. Von den "Sommersachsen" wird allerorts gesprochen. Aber auch die bringen sich wieder ins Gemeinwesen und die Kirchengemeinde ein. Und andere - auch aus der Schweiz, Österreich und Rumänien - sind zugezogen, haben moderne Häuser gebaut. "Wir hätten das selbst nicht geglaubt, das das möglich werden würde", sagen Hennings.

Gespräch der Gruppe mit Herrn Henning
© Matthias Rudolph

Gespräch mit dem Familienoberhaupt Hennig. Es ging sehr herzlich, aber auch kräftig derb und selbstbewusst zu.

Einer von Ihnen ist der ehemalige Dekan der Evangelischen Fakultät in Hermannstadt, Stefan Tobler. Ursprünglich kam er aus der Schweiz, fand aber in Hermannstadt seine wissenschaftliche Heimat. Als systematischer Theologe kümmerte er sich um die Ausbildung ganzer Theologinnen-Generationen. In Michelsberg baut er gerade ein kleines Zentrum für die Arbeit mit Kindern und Familien auf.

Gespräch im neuen Kinder- und Familienzentrum Michelsberg
© Düring /KKZF

Gespräch mit Dr. Stefan Tobler im von ihm und seiner Frau geschaffenen Kinder- und Familienzentrum in Michelsberg.

Auch die Ökumene liegt dem Theologen am Herzen. Gemeinsam mit dem orthodoxen Priester Alexandru Ionita hat er das Ökumenische Institut in Hermannstadt aufgebaut. Hier haben Studierende und Pfarrer:innen die Möglichkeit, in einem Gastsemester in deutscher Sprache die Grundlagen orthodoxer Theologie kennenzulernen und wie sich Ökumene gestalten lässt.

Ionita erzählte der Reisegruppe auch von den Schwierigkeiten des Miteinanders von orthodoxer Mehrheitsgesellschaft und evangelischer Minderheit. Im Kleinen - unter dem Radar der orthodoxen Kirchenführer ist manches möglich - aber offizielle gemeinsame Gottesdienst werden untersagt. Auch das soziale Engagement, etwa für Roma wird von offizieller Seite kritisch gesehen. Eine entsprechende Initiative musste der engagierte Priester darauf hin beenden.

Priester Alexandru Ionta
© Düring /KKZF

Der weitsichtige orthodoxe Priester und Institutsleiter Alexandru Ionita hat es in seiner Kirche nicht leicht.

Dass ökumenisches Miteinander nicht leicht ist, bestätigte auch der evangelische Bischof Reinhard Guib in einem längeren Gespräch. "Aber wir ergreifen immer wieder die Initiative und laden zum gemeinsamen Gebet ein", sagt Guib. Auch in diesem Gespräch wird deutlich, wie Hoffnung und Beharrlichkeit zusammenwirken und man sich davon anstecken lassen kann.

"Seit zwei Jahren haben wir positive Zahlen", so der Bischof, "sowohl beim Haushalt als auch bei den Mitgliedern." Auch ein gewisser Stolz klingt in diesen Aussagen mit.

Gruppenfoto mit Bischof
© Angelika Beer

Gruppenfoto mit dem Bischof der Evangelischen Kirche in Rumänien A.B., Bischof Reinhard Guib.

Aber es bleibt auch eine Herausforderung: 160 Kirchenburgen, 150 weitere Kirchen, dazu nochg ehemalige Schulen und Pfarrhäuser befinden sich alle im Besitz der Kirchengemeinden, die meist nur noch wenige Mitglieder haben. Die schon genannten Zentren bilden da eine Ausnahme. Eine Stiftung soll sich um den Immobilienbestand kümmern, die dafür zur Verfügung stehenden Mittel sind gering.  Und so bleibt es ein ständiges Abwägen und Priorisieren, was gerade dran ist.

Ansicht der Kirchenburg Almen
© Düring /KKZF

Eine von noch 160: die Kirchenburg in Almen

Und manche Gemeinden sterben trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs der vergangenen Jahre auch aus. Das gehört auch dazu und schmerzt. Aber die Hoffnung und Zuversicht, die sich auch aus dem Glauben und der Mentalität der Siebenbürger Sachsen speist, von der haben sich die Mitglieder der Reisegruppe aus unserem Kirchenkreis gerne anstecken lassen.

Stadtansicht Kronstadt/Brasov mit Schwarzer Kirche
© Düring /KKZF

Stadtansicht von Kronstadt/Brasov mit der eindrucksvollen Schwarzen Kirche, die vorletzte Station der Studienfahrt. Hier zählt die Gemeinde ebenso wie in Sibiu/Hermannstadt rund 800 Mitglieder, ein Achtel der gesamten Landeskirche. Hier versucht man Angebote für alle Generationen zu schaffen und um den Erhalt der Kirche soll sich eine Bauhütte kümmern, die gerade im Aufbau begriffen ist.

Sonnenblume und Wein
© Düring /KKZF

Wir nehmen viel von der Hoffnung und dem Mut der Siebenbürger Sachsen zurück mit nach Deutschland.

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