28/04/2026 0 Comments
Das Thema Wehrpflicht bewegt die Menschen
Das Thema Wehrpflicht bewegt die Menschen
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Das Thema Wehrpflicht bewegt die Menschen
Noch ist eine Wiedereinführung der Wehrplicht keine beschlossene Sache, aber dass es überhaupt wieder ein Thema ist, bewegt Menschen nicht nur in Ludwigsfelde und der Region.
"Ist eine Wehrpflicht gerecht und friedensdienlich?" war die Leitfrage des 3. Dialogforums "Verständigungsort Frieden", das am Freitagabend (24.4.) im Evangelischen Gemeindezentrum Ludwigsfelde veranstaltet wurde. Und rund 25 Teilnehmende wollten bei dieser Frage mitreden.
Dazu hatten Sie in verschiedenen Tischgruppen auch reichlich Gelegenheit. Es ging dabei nicht darum, sich gegenseitig die Meinung zu erzählen, sondern darüber zu sprechen: Wie kommt jemand zu seiner Meinung? Was sind biographische Hintergründe und Erfahrungen?
Dass es dabei ganz unterschiedliche Bewegründe gibt, sich diesem Thema zu stellen, zeigte schon das vom Journalisten Benjamin Lassiwe lebendig moderierte Podiumsgespräch. Auf der einen Seite die Bundestagsabgeordnete Isabelle Vandre (Die Linke), welche eine Wehrpflicht generell ablehnt. "Wenn Gewissensfragen berührt sind, darf es nur um Freiwilligkeit gehen", begründete die aus Eberswalde stammende Politikerin ihre Haltung. Sie erzählte in der Veranstaltung auch, dass sie in ihrer Jugendzeit zur Evangelischen Jugend gehörte und sich intensiv mit der Geschichte des Konzentrationslagers Sachsenhausen bei Oranienburg auseinandersetzte. Darüber sei sie dann auch zur Linkspartei gekommen.

Einen ganz anderen biographischen Hintergrund bringt der Theologe Prof. Paul Silas Peterson mit. Er ist in den USA aufgewachsen, wollte schon immer Theologie studieren, weshalb ein Eintritt in die Freiwilligen-Armee der Vereinigten Staaten für ihn selbst nie ein Thema war. Anders als bei einigen anderen Familienangehörigen.
Heute arbeitet der systematische Theologe als Privatdozent an der Universität Tübingen aber auch im Institut für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam. Deshalb argumentierte Peterson auch abwägender. "Gerade in der aktuellen Bedrohungslage braucht es auch Überlegungen zur Wehrpflicht, aber das Grundgesetz (Artikel 4 - Anm. Redaktion) betont die Gewissensfreiheit". Und die müsse unbedingt auch bei einer Wehrpflicht gelten.
Auf die Frage, wie das theologisch zu bewerten sei, blieb der Wissenschaftler im Ungefähren. Biblisch-theologisch sei das nicht einfach zu beantworten. "Die Bibel betont die Zielvorstellung, die friedliche Welt Gottes", aber wie wir dahin kommen, sei nicht so eindeutig, wie wir uns das womöglich wünschen würden.

Spannend wurde es auch in der zweiten Gesprächsrunde, in der zwei Mitglieder der Evangelischen Kirchengemeinde ihre Haltungen biographisch begründeten. Nicole Stege arbeitet in der zivilen Verwaltung der Bundeswehr, ist also indirekt auch mit den Fragen der Organisation von Einsätzen der Bundeswehr befasst. Sich für den Frieden zu engagieren und gleichzeitig für eine Armee zu dienen, ist für sie kein unmittelbarer Widerspruch. Dazu beigetragen hat sicherlich auch, dass sie ursprünglich in Westdeutschland aufgewachsen ist und ihr Vater eine Bundeswehr-Laufbahn eingeschlagen hatte. Jedoch kennt auch sie Konflikte: Die Diskussionen um den Nato-Doppelbeschluss Anfang der 1980er Jahre lösten auch bei ihr Fragen aus.
Anders verhielt es sich bei Ralf Schmidt, heute Gemeindekirchenratsvorsitzender in Ludwigsfelde. Zu DDR-Zeiten war er Kriegsdienstverweigerer, wurde aber zur Armee als Bausoldat eingezogen (Dienst ohne Waffe). Neben dem Gefängnis die einzige Möglichkeit damals, den verpflichtenden Wehrdienst abzulehnen. "Für mich sind die friedensethischen Positionen, die sich aus der Bibel ergeben, wegweisend". Erst der Überfall Russlands auf die Ukraine habe ihn zum Umdenken gebracht. "Heute sehe ich ein, dass wir uns auch schützen müssen." Und die Wehrpflicht könne möglicherweise dazu beitragen, für ein bisschen mehr Sicherheit zu sorgen, so Schmidt.

Das das Thema viele umtreibt würde dann auch in den rund 40 minütigen Tischgesprächen sichtbar. Hier hatten die Teilnehmenden die Möglichkeit, ihre Meinung zu entwickeln und biographisch zu begründen. Das kam bei den Meisten gut an.
"Ich war jetzt zum zweiten Mal bei diesem Format dabei und mich beeindruckt diese Form der Gespräche", sagte ein Teilnehmer zum Abschluss. "Vielen Dank für dieses Angebot, und ich hoffe sehr, dass es so etwas auch in Zukunft gibt!"
Mit der musikalischen Bitte "Verleih uns Frieden gnädiglich...", angestimmt von Mitgliedern des Ludwigsfelder Jugendchores unter Leitung von Kathrin Hallmann und dem Segen ging diese Veranstaltung zu Ende. Das Gespräch und das Ringen um Verständigung bei kontroversen Themen gehen jetzt erst so richtig los.

Fotos: Düring/KKZF
Die Ev. Wochenzeitung "die Kirche" hat in ihrer aktuellen Ausgabe zum Thema "Verständigungsorte" ein Interview mit Pfr. Friedemann Düring veröffentlicht, dass Sie auch auf unserer Webseite nachlesen können. Klicken Sie hier!
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