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Gott spricht: „Suche Frieden und jage ihm nach!“ (Psalm 34,15)

02.01.2019

Gedanken zur Jahreslosung 2019 von Superintendentin Katrin Rudolph

Wie klar und einfach und überzeugend ist diese Jahreslosung für diese Zeit. Eigentlich gäbe es nichts mehr hinzuzufügen, so selbstverständlich klingt diese Aufforderung. Andererseits – wir leben doch im Frieden, noch, und hoffentlich auch die Generationen nach uns. Wo soll ich mich auf die Suche nach ihm machen, wo ihm gar nachjagen?

Berührt hat mich eine Erfahrung aus unserer amerikanischen Partnerkirche. Eine Kollegin von dort schreibt: „Es war ein schwüler Augustmorgen, einer jener Sonntage, an denen ich erstaunt bin, dass überhaupt jemand in unsere nichtklimatisierte Kirche kommt. Aber die Treuen waren da, Gott segne sie, zusammen mit einer Gruppe von Gastwissenschaftlern aus Japan. Als wir bei den Fürbitten ankamen und zum Austausch von Freuden und Sorgen einluden, klebten wir bereits an unseren alten Holzbänken. Alle wollten bloß noch ins Freie, aber unsere japanischen Gäste hatten etwas zu sagen.

Der Älteste der Gruppe begann zu sprechen - auf Japanisch. Er sprach jeweils ein oder zwei Sätze, und dann übersetzte ein Dolmetscher. Die Zeit verging. Die Gemeindeglieder begannen, unruhig zu werden. Dennoch fuhr der Mann fort. Ich war gerade dabei, ihn (höflich) zu unterbrechen, als er zwei Worte auf Englisch sprach: Pearl Harbor. Jeder schnappte nach Luft. Wir warteten mit Spannung auf die Übersetzung, die in etwa so lautete: ,Mit großer Trauer und Schmerz bitten wir Sie um Vergebung für den Angriff unserer Nation auf Pearl Harbor.‘

Haben Sie jemals 100 Menschen im Gleichklang Luft holen hören? Es war ein überwältigender Moment. Im Namen der Gemeinde habe ich geantwortet, dass wir ihre Vergebung suchen müssten. Für Hiroshima. Für Nagasaki. Für das unergründliche Leiden des japanischen Volkes. Könnten sie uns jemals verzeihen? Das konnten sie, und das taten sie auch. Wir beugten uns in Demut und Frieden voreinander. Und plötzlich fühlte sich sogar die Luft leichter an.

"Suche Frieden und jage ihm nach." Unsere Kirchen, die United Church of Christ in den USA ebenso wie die EKD haben sich auf den Weg gemacht, eine „Kirche des gerechten Friedens“ zu werden. Es geht nicht nur um Stillhalten, Friedhofsruhe und die Abwesenheit von Krieg. Es geht um soziale Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Umkehr. Wie in der kleinen, klebrig-brütenden Kirche in Massachusetts fängt ein gerechter Friede überall mit Vergebung an, davon bin ich überzeugt. Im Privaten. Im Gesellschaftlichen. In der Politik. Wer macht den ersten Schritt und bittet um Vergebung? Das braucht Mut und die Erfahrung, dass Vergebung möglich ist. Wenn es im Großen gelingt wie zwischen den ehemaligen Kriegsparteien USA und Japan oder Deutschland und Großbritannien, dann muss Frieden und Versöhnung doch auch im Kleinen möglich sein.

Und Gott ist uns immer schon einen Schritt voraus. Dass Gott uns vergibt, wenn wir ihn darum bitten, ist die Grundlage für unser versöhnendes Handeln untereinander. Größer ist sein Shalom als alle menschliche Vernunft, glauben wir. Behalten wir diesen Geschenk nicht für uns, denn es befreit uns, auf andere zuzugehen. Nehmen Sie diesen Vers mit ins neue Jahr und verändern Sie die Welt: Suche Frieden und jage ihm nach!

Superintendentin Katrin Rudolph

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Die biblischen Leitworte werden heute von der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen (ÖAB) bereits mehrere Jahre im Voraus ausgewählt. Ursprünglich wurde die Tradition im Kirchenkampf während der Zeit des Nationalsozialismus begründet. Initiator war der württembergische Pfarrer und Liederdichter Otto Riethmüller (1889-1939), der Mitglied der Bekennenden Kirche war. Er wollte den NS-Schlagworten Bibelverse entgegenstellen und gab erstmals 1930 eine Jahreslosung heraus.