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Ein Engel für dich?!

Am Sonntag, dem 29. September, ist Michaelistag.

Von Pfarrer Tileman Wiarda, Ev. Pfarrsprengel Jüterbog-Kloster Zinna

In früheren Zeiten markierte dieses Datum endgültig das Ende des Sommers und auch der Ernte. So war das Erntedankfest immer auf den ersten Sonntag nach Michali festgelegt. Wer seine Ernte bis Ende September nicht sicher in der Scheune hatte, der würde es im anbrechenden Winter schwer haben.

Heute ist nicht nur die Tradition weithin in Vergessenheit geraten. Erntedank ist doch immer der erste Sonntag im Oktober! So höre ich es häufig – und so ist es tatsächlich neuerdings auch von unserer Landeskirche festgelegt. Dennoch feiern manche Kirchengemeinden auch morgen schon Erntedank, ganz in Verbindung zur alten Überlieferung, die es eben möglich machte, dass hin und wieder dieses Fest schon Ende September stattfinden konnte.

Übrigens gibt es für den Michaelistag auch viele Bauernregeln, hier nur eine kleine Auswahl: „Regnet's an Michaelis ohne Gewitter folgt meist ein milder Winter. Ist es aber an Michaelis und an Gallus trocken dann darf man auf gutes, trockenes Frühjahr hoffen Und wenn die Zugvögel nicht ziehen vor Michael, wird es nicht Winter vor Weihnachten.“

Wer aber ist der, um den es an diesem Tag geht? Michael, der Erzengel, dem der 29. September gewidmet ist, hat seit jeher sehr unterschiedliche Zuschreibungen erfahren. So gilt er als streibarer Schutzpatron Israels, als Teufelsbezwinger und als Seelenwäger am Tage des Jüngsten Gerichts. Er begleitet, so die christliche Tradition, die Seelen der Verstorbenen auf ihrem Weg ins Jenseits. Seine Attribute sind entsprechend Flammenschwert und Waage. Michael steht als Erzengel stellvertretend für so viele himmlische Gestalten, die unser Leben und auch bisweilen unsere Haushalte bevölkern.

Der Glaube an Engel, die etwas für uns Menschen tun, ist trotz der zunehmenden Säkularisierung ungebrochen. Immer wieder lese ich überrascht, dass in unserem Land mehr Menschen an die Existenz von Engeln glauben als an die Gottes. Dabei ist ein Engel von seiner Wortbedeutung her doch nichts anderes als ein „Abgesandter“. Der Engelsglaube hat seine Grundlage gewiss in dem Empfinden vieler Menschen, dass das Leben unsicher ist, dass wir an so vielen Stellen ungeschützt stehen, allen Widrigkeiten ausgeliefert. Krankheit, Traurigkeit, Verlassenheit, auch der Tod sind angstmachende Ereignisse, mit denen wir konfrontiert sind.

Wie schön wäre es doch, wenn es jemanden gäbe, der den Auftrag hat, sich um uns zu kümmern, uns im Notfall auch daran zu hindern, den einen Schritt zu machen, der uns in den Abgrund stürzen könnte. Der Schutzengel hat Konjunktur, gerade in Zeiten unklarer werdender Lebens- und Arbeitssituationen. Ob auch der Engel Michael bei der schönen Vision des Jakob in Bethel, von der die Bibel berichtet, anwesend war, ist nicht überliefert. Aber der Flüchtling Jakob, aus der Heimat vertrieben, durchaus auch durch eigene Schuld, sah in dieser nächtlichen Schau die Zusage Gottes an ihn: Du bist niemals allein. Meine Boten erreichen dich, mein Segen gilt dir, ganz egal, wo du bist. So konnte er gestärkt weitergehen, als er am nächsten Morgen erwachte – und fand in der Fremde neue Heimat.

Vielleicht gelingt es uns, ganz selten, einmal zu einem Engel oder einer Engelin zu werden: Für jemanden, der heimatlos bei uns eintrifft und auf Zuwendung hofft statt auf Ablehnung. Für jemanden, der des Lebens überdrüssig ist, das ihm auferlegt ist. Oder ganz einfach für jemanden, dem das eine gute Wort gefehlt hat, das wir ihm sagen können.

Letzte Änderung am: 14.10.2019