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RSSPrint

Abstand halten als Elftes Gebot

Das Wenige, das in unserer Macht steht, sollten wir nutzen und einander helfen.

Von Karsten Weyer, Ev. Kirchengemeinden Dahlewitz-Diedersdorf

Als sonst sehr fröhliches Kind hatte ich mehrere Jahre lang von Zeit zu Zeit immer wieder denselben Albtraum. In diesem Traum stürzte ich die Berliner Kaiserdammbrücke herunter. Ich war im freien Fall. Hilflos, verzweifelt und panisch kam ich dem Abgrund näher und näher. Doch immer endete der Traum – Gott sei Dank – vor dem Aufprall. Ich wachte auf, schweißgebadet und mit pochendem Herzen. Und ich war erleichtert und dankbar, als ich merkte, alles war nur ein Traum.

In unseren Tagen im Frühjahr 2020 ist es umgekehrt. Ich wache auf und fast egal, was ich geträumt habe, wünschte ich, mein Traum hätte länger gedauert. Denn mit den ersten Gedanken nach dem Erwachen erinnere ich mich wieder: Unsere gegenwärtige Wirklichkeit ist zum Albtraum geworden. Ein gefräßiges Monster breitet sich aus, wirkte zunächst noch beruhigend weit weg in Fernost, kam dann näher und näher bis vor unsere Haustür und hinterlässt mittlerweile in beinahe jedem Land unserer Welt Spuren: rote Punkte für Infizierte, schwarze Punkte für Verstorbene. Weltweite Schul- und Kitaschließungen, Absagen von Veranstaltungen, Einreisestopps, Ausgangssperren… Die Liste der Konsequenzen der Corona-Pandemie ließe sich beliebig erweitern. Zahllose Menschen sind in Existenznot, Trauer und Angst. Das gesellschaftliche Leben ist lahmgelegt, die wirtschaftlichen Folgen sind unabsehbar. Ein hoch entwickeltes Land wie Italien kollabiert und beklagt zurzeit die meisten Todesopfer weltweit. Italiens Ärzte sehen sich gezwungen, dem 80-Jährigen die Intensivmedizin zu verweigern und ihn sterben zu lassen, weil nicht ausreichend Beatmungsgeräte zur Verfügung stehen und noch ein jüngerer Corona-Patient wartet.

Wie wird es uns ergehen, wenn die Fallzahlen in Deutschland weiter so gnadenlos hochschnellen wie in den letzten Tagen? Wie werden die Menschen in meinen Kirchengemeinden betroffen sein? Wie meine Freunde? Meine alte Mutter? Meine schwangere Frau? Unsere drei kleinen Kinder? Ich selbst? Und wie soll es erst den Kongolesen, Afghanen, Honduranern und den anderen Ärmsten der Armen ergehen? Auch dort zählt man bereits die ersten Corona-Infizierten. Von den Gesundheitssystemen in diesen Ländern ist nicht viel Hilfe zu erwarten. Wir sind mitten in einem Albtraum. Und er ist leider noch nicht ausgeträumt.

Wie geht er weiter? Wird es sein wie in den großen Kriegen? Dass keine Familie ohne Opfer bleibt? Angst schnürt mir die Kehle zu. Ich halte meine düsteren Gedanken nicht länger aus, löse mich von Schreibtisch, PC und von den immer neu hereinpoppenden beunruhigenden Nachrichten des Corona-Livetickers. Ich muss an die Luft, gehe in den Garten, blicke über den Zaun zum Nachbargrundstück. Es ist verwahrlost. Seit Jahren wohnt dort niemand. Keiner kümmert sich. Hohes vertrocknetes Gras und Strünke vom letzten Jahr. Alles wirkt tot. Und inmitten dieser Ödnis entdecke ich eine leuchtend gelb blühende Narzisse. Ein kleines Licht in all der Trübnis der Corona-Pandemie.

Das tut gut. Ich schaue auf diese Narzisse und halte einen Moment inne. Bin dankbar. Solche Lichter braucht es jetzt. Und es gibt sie. Ärztinnen und Ärzte, Pflegepersonal und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Gesundheitsämter, von denen viele bis zur Erschöpfung Dienst tun, haben große Strahlkraft.

Auch all diejenigen Berufsgruppen, die dazu beitragen, dass die Lebensmittelversorgung aufrechterhalten werden kann: Die Produzenten der Nahrung, die Lkw-Fahrer, die Angestellten in den Lagerhallen und Supermärkten bewahren uns vor totaler Finsternis.

Und bitte nicht zu vergessen die politisch Verantwortlichen, die unter immensem Einsatz alles tun, um Schaden von Ihren Völkern abzuwenden. Schließlich kann jeder Einzelne und jede Einzelne von uns ein wenig Licht bringen in die Finsternis von Angst, Krankheit und Tod: ganz einfach das Gebot der Stunde befolgen und Abstand halten von allen Begegnungen, die nicht unbedingt notwendig sind – den besonders gefährdeten Menschen zuliebe und der Funktionstüchtigkeit der medizinischen Versorgung zugute. Ich möchte mir nicht vorstellen, was jemand empfindet, der infolge einer ‚Corona-Party‘ seine Großmutter angesteckt hat und sie dann zu Grabe tragen muss.

Wir haben nicht viele Möglichkeiten zu verhindern, dass dieser Corona-Albtraum im freien Fall weiter auf den Abgrund zurast. Aber das wenige, das in unserer Macht steht, sollten wir nutzen. Der freie Fall darf nicht in einem Aufprall enden, von dem wir nicht wieder auf die Beine kommen. Christinnen und Christen ist es ins Stammbuch geschrieben, Licht für die Welt zu sein, Narzissen in der düsteren Albtraum-Wirklichkeit der Corona-Pandemie. Was können wir aber tun, wenn das meiste, was unser gemeindliches Leben ausmacht, nicht mehr möglich ist: keine öffentlichen Gottesdienste und keine gemeinsamen Reisen, kein Konfirmandenunterricht, keinerlei Gemeindeveranstaltungen und -Kreise, keine Chorarbeit und Konzerte.

Wie können wir unser Licht leuchten lassen unter den Menschen? Natürlich: Abstand halten wird für uns zum Elften Gebot in diesen Tagen. Sich besonders um diejenigen kümmern, die in Zeiten des Social Distancing, des gebotenen Abstands zwischen einander, allein und vergessen bleiben. Praktische Hilfe leisten, aber auch in Telefonaten und E-Mails auf Sorgen und Nöte eingehen. In jedem Fall sind wir Pfarrerinnen und Pfarrer und alle hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weiter für Sie im Dienst. Wir haben keine ‚Corona-Ferien‘! Rufen Sie uns, schreiben Sie uns eine E-Mail! Die Kirchengemeinden Dahlewitz und Diedersdorf werden an diesem Wochenende an jeden Haushalt in ihren Orten einen Brief verteilen, ihr Mitgefühl zum Ausdruck bringen und fragen, in welcher Weise wir den Menschen Hilfe leisten können. Andere Gemeinden finden ähnliche oder andere Wege.

Schließlich: Wir hören nicht auf, für all diejenigen in der ganzen Welt zu beten, die aufgrund der Corona-Pandemie oder aus anderen Gründen Leid erfahren. Und wir hören nicht auf, in Gottes Wort Halt und Hoffnung zu suchen und zu finden: Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben. (Ps 46,2)

Hoffentlich sind das Möglichkeiten für luzides Träumen, also dafür, den augenblicklichen Albtraum der Corona-Pandemie ein Stück weit bewusst zu steuern und in den Griff zu bekommen. Narzissen heißen auch Osterglocken, künden damit gegen alles Leid und gegen allen Tod vom neuen Leben. 

Letzte Änderung am: 06.04.2020