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RSSPrint

Vorauseilende Freude

Die vierte Tochter ist auf dem Weg und ruft viele Gedanken und Gefühle zur „Gabe des Herrn“ hervor.

Von Pfarrer Karsten Weyer, Ev. Kirchengemeinde Dahlewitz-Diedersdorf

Seit Monaten kreisen meine Gedanken um sie. Mittlerweile vergeht kein Tag mehr, ohne dass ich von ihr spreche. Wenn ich an sie denke, bin ich aufgeregt. Mein Herz hüpft. Vorfreude. Ich kann es kaum erwarten, ihr zu begegnen. Dabei habe ich sie noch nie gesehen, nur undeutliche Bilder. Ich weiß nicht viel über sie. Was sagen schon Größe und Gewicht über einen Menschen?

Ich bin neugierig. Wie wird ihr Blick sein? Wie ihre Bewegungen? Welchen Klang hat ihre Stimme? Und ihr Wesen? Ihr Temperament? Es steht eine große Erkundungsreise bevor…

Ein Stückweit kann ich unser Zusammentreffen vorbereiten, ein paar äußere Vorkehrungen treffen und mich innerlich darauf einstellen, so gut es geht. Aber bis ins Letzte lässt sich sowas nicht planen. Auch nicht im 21. Jahrhundert.

Ich wage es kaum auszusprechen: Letztlich ist nicht einmal gewiss, ob wir uns überhaupt begegnen werden. Kein Zugriff möglich. Verfügbarkeit ausgeschlossen. Wie bei allem, was groß ist und wichtig. Ich hoffe und bete, alles möge gut gehen.

Es kann sein, ich werde ganz plötzlich darüber informiert, dass unser erstes Treffen bevorsteht. Inmitten meiner Arbeit. Ein Anruf während des Religionsunterrichts oder auf einer Sitzung. Beim Seniorenkreis oder in der Konfirmandenstunde. In diesen Tagen versuche ich, den Radius meiner Aktivitäten etwas enger zu halten als sonst. Große Strecken kosten Zeit. Und die wird es nicht geben. Wenn der Anruf kommt, muss ich alles stehen und liegen lassen. Nur die allernötigsten Absprachen treffen, ins Auto steigen und dann nichts wie los… Jeder wird das verstehen.

Hoffentlich läutet mein Telefon nicht während eines Gottesdienstes oder – noch schlimmer – bei einer Beisetzung. Dann wäre ein wenig Geduld gefragt. Aber langes Wartenlassen geht nicht. Es kommt auf jede Minute an. Wenn sie denn endlich bereit ist zu unserem ersten Treffen, dann wird kein Halten mehr sein.

Dreimal durfte ich das schon erleben. Neben Vorfreude und Neugier gehören auch Angst und Schmerzen dazu, bis es soweit ist. Und dann wird alles anders durch eine solche Begegnung. Die Nächte werden kurz. Es wird lauter im Haus. Die Karten der Familienkonstellation werden neu gemischt. Die eigene Kraft kommt immer mal wieder an ihre Grenzen. Und das Leben wird noch reicher.

In Psalm 127 heißt es: ‚Siehe, Kinder sind eine Gabe des Herrn, und Leibesfrucht ist ein Geschenk.‘ Meine Frau, unsere drei Kinder, und ich freuen uns maßlos über dieses vierte unermessliche Geschenk, das sich in diesen Tagen ankündigt, unsere kleine Tochter. Und wir stimmen laut ein in das Wort des Psalms: ‚Siehe, Kinder sind eine Gabe des Herrn, und Leibesfrucht ist ein Geschenk.‘

Letzte Änderung am: 26.10.2020