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RSSPrint

Mal ehrlich! – Sieben Wochen ohne Lügen

Eine anspruchsvolle Herausforderung für die Fastenzeit

Von Pfarrer Karsten Weyer, Ev. Kirchengemeinde Dahlewitz-Diedersdorf

Ein Kollege fragt ‚Wie geht’s?‘ Es ist nicht gerade mein Lieblingskollege, in meinen Augen auch nicht der Vertrauenswürdigste. Interessiert es ihn überhaupt? Und wenn ich sage, dass gerade nicht alles glatt läuft. – Was wird er aus dieser Information machen? Ich habe wirklich keine Lust, ihm mein Herz auszuschütten. Also meine Antwort: ‚Alles gut! Bei Dir hoffentlich auch. Schönen Tag noch!‘ Lüge als Selbstschutz.

Eine befreundete Frau vertraut mir an, ihre Homosexualität erkannt zu haben. Ich denke bei mir, das ist doch vollkommen in Ordnung und in unserer Zeit auch kein gesellschaftliches Problem mehr. Sie bittet mich nicht ausdrücklich darum, die Sache für mich zu behalten. Ein paar Tage später spricht mich ein gemeinsamer Freund direkt darauf an. Ob ich denn wisse, ob unsere Freundin lesbisch wäre. Wenn ich antworte, dass ich darüber nicht sprechen möchte, ist die Sache für ihn klar. Also meine Antwort: ‚Keine Ahnung.‘ Lüge als Schutz für andere.

Ich könnte weiter erzählen: Lügen aus Höflichkeit (‚Das Essen war wirklich lecker…‘), Lügen als diplomatische Pflicht (‚Ihr seid jederzeit bei uns willkommen, liebe Schwiegereltern …‘), aber auch: Lügen um des eigenen Vorteils willen (‚Steuererklärung‘), Alternative Fakten (‚Bei der Amtseinführung Donald Trumps waren deutlich mehr Menschen anwesend als bei der seines Vorgängers Barack Obama‘), Fake News (‚Flüchtlinge bekommen vom deutschen Staat bei ihrer Ankunft Handys geschenkt‘).

Alles Lüge?! Im Internet wird immer wieder behauptet, ein Mensch würde rund 200 Mal täglich lügen. Das scheint mir hochgegriffen. Wo soll es denn an einem Tag 200 Gelegenheiten zum Lügen geben? Andere Studien sprechen von zehn Lügen pro Tag pro Mensch. Irgendwo dazwischen wird die Wahrheit liegen. Jedenfalls: Unsere Welt scheint randvoll von Lügen. Jeder macht’s. Jeden Tag.

Da klingt das Motto der evangelischen Kirche für die Fastenaktion 2019 äußerst anspruchsvoll. Von Aschermittwoch bis Ostern soll gelten: ‚Mal ehrlich! – Sieben Wochen ohne Lügen‘ Sieben Wochen ohne ein einziges Mal Flunkern, ohne eine einzige Notlüge und ohne sich auch nur einmal selbst etwas vorzumachen? Das wäre zu viel verlangt. Wer soll denn das schaffen?

Mir fällt dazu Erich Kästner ein – mit seiner Skepsis gegenüber den Vorsätzen fürs neue Jahr: ‚Man soll das Jahr nicht mit Programmen / beladen wie ein krankes Pferd. / Wenn man es allzu sehr beschwert, / bricht es zu guter Letzt zusammen.‘ – Gleiches gilt für die Fastenzeit mit ihren Vorsätzen.

Dennoch: Ich will der Provokation des Fastenmottos nicht ausweichen. Es könnte sich lohnen, sieben Wochen lang besonders sensibel auf Wahrheit und Wahrhaftigkeit zu achten. Genauer hinzuhören auch auf das, was der zu sagen hat, um den es in der Passionszeit eigentlich geht. Am Ende seines Lebens wird Jesus vom römischen Statthalter Pilatus verhört und bekennt: Ich bin in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeuge.

Das Leben Jesu von Nazareth als Weg der Wahrheit, als Leben ohne Lüge. Das will entdeckt werden und Ansporn sein für meine eigene Wahrhaftigkeit und Wahrheit – nicht nur in der Fastenzeit 2019. Wie gut zu wissen und darauf zu vertrauen, dass dieser Jesus mit Augen voller Liebe und Barmherzigkeit vom Kreuz herab auf die ganze Wahrheit meines Lebens blickt!

Letzte Änderung am: 18.03.2019