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RSSPrint

Stille Nacht, heilige Nacht...

Von Pfarrer Jonathan Steinker, Ev. Kirchengemeinde Luckenwalde

Stille Nacht, heilige Nacht, dieses Jahr besonders. Die Straßen sind leerer als sonst, viele Familien verbringen dieses Jahr nicht im gleichen Zimmer. Das drückt ganz schön auf die Stimmung, merke ich. Auf meine auch.

Ich werde heute die Kirche offen halten für Menschen, die Weihnachten suchen. Ich mache den leuchtenden Stern an, der über dem Altar aufgehängt ist. Wir haben einen Weihnachtsbaum in die Kirche gestellt und geschmückt. Und da drüben steht die Krippe. Reglos steht sie da, als würden Josef, Maria und die Hirten im Stehen schlafen. Das Jesuskind ist lächelnd dargestellt. Es strahlt mich an. Gottes Sohn, o wie lacht Lieb’ aus deinem göttlichen Mund, klingt in meinem Kopf der Text von „Stille Nacht“ weiter. Und ich schaue mich um, sehe in die fast-leere Kirche.

Da hinten stehen zwei Engel am Eingang. Die waren bereit, zu Weihnachten für eine Stunde zu helfen, die Hygienemaßnahmen umzusetzen, damit wir die Kirche offen halten können. Sie sind warm eingepackt, mit Schals, Mützen und mehreren Pullovern übereinander. Sie reden gerade im Abstand von zwei Metern mit einer Frau. In meinem Kopf wird sie zur Hirtin vom Feld. Die ist aus einer anderen Stadt angereist, weil sie gerne an die Krippe wollte. Sie ist wütend.

Die beiden Engel machen das ganz großartig. Sie hören der Frau zu und stimmen zu: Es gibt vieles, was Ärger hervorruft. Es fühlt sich unfair an, dass Kulturträger*innen mit funktionierenden Sicherheitskonzepten die Veranstaltungen absagen mussten. Es ist schmerzhaft, dass Gemeindegesang als gefährlich gesehen wird. Auch wenn man nicht immer Lust hat, die Familie zu Feiern zu sehen – darauf verzichten zu müssen ist jedenfalls auch nicht besser.

Die Hirtin lächelt ein wenig. „Aber ihr haltet die Kirche offen“, sagt sie. „Darf ich rein? Ich hab keine Symptome.“ Die Engel nicken. „Erst noch die Kontaktdaten, bitte. Es gibt ja auch unsymptomatische Krankheitsverläufe.“ Der Zettel wird ausgefüllt und wandert in die Box.

Ich wende mich wieder meiner Aufgabe zu. Gerade lege ich neue Teelichter aus. Jedes Licht macht den Raum ein wenig heller, ein wenig einladender. Jedes kündet ein wenig von der großen Freude, dass heute der Heiland geboren ist, ganz still und unscheinbar. Auf dem Fürbitten-Leuchter leuchten schon ein paar Kerzen. Menschen haben hier gebetet und sie angezündet. Mich tröstet der Gedanke, dass es diese Gemeinschaft gibt. Sie ist nicht immer sichtbar, aber sie ist da und macht sich in diesen Tagen bemerkbar.

In den letzten Wochen wurde hier vor Ort so viel geschmückt. Nun blinkt es in Fenstern, Tannengrün hängt an Straßenlaternen. Hier machen Menschen einander Mut. Die Hirtin vom Feld geht an mir vorbei, zur Krippe. Ich schaue zu ihr rüber. Sie wirkt ein bisschen unsicher, was sie jetzt tun oder sagen soll. Sie schweigt und betrachtet die Krippe. Ich höre nichts außer den knisternden Kerzen und unserem Atem durch Mund-Nasen-Bedeckungen hindurch.

Stille Nacht, Heilige Nacht. Hirten erst kundgemacht, durch der Engel Halleluja. Ich fühle mich wie eins der Stalltiere, das in diesem intimen Moment dabei sein kann. Was sie jetzt wohl denkt, frage ich mich. Vielleicht „ich habe ihn mir größer vorgestellt“. Oder „merkwürdig, dass das Kind mit heller Haut dargestellt ist.“ Vielleicht „Jesus, das ist ein ganz komisches Jahr“. Oder „Ich wünsche mir so sehr, dass wir als Familie wieder unbeschwert zusammen kommen können.“

Sie sagt nichts. Mit einem Mal dreht sie sich zu mir um, unsere Blicke begegnen sich. Ich merke: Ich stehe im Weg. Ich lächle und mache ihr Platz am Fürbittenleuchter. Und Sie daheim: Danke, dass Sie der Einladung zum Stall gefolgt sind. Wenn Sie mögen, legen Sie gern Ihren Wunsch oder Ihre Bitte mit dazu. Es ist genug Platz dafür an der Krippe, am Leuchter, oder daheim an Ihrem Weihnachtsbaum. Jesus ist nicht in einem Palast oder einer Kirche geboren. Wo man ihn aufnimmt, da wird es Weihnachten. Auch bei Ihnen daheim.

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest.

Letzte Änderung am: 18.01.2021