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RSSPrint

Vom Reisen und Ausreisen

Die einen wollen einfach nur mal raus, andere werden unfreiwillig in ein unsicheres Land zurückgeschickt.

Von Vikar Felix Sens, Ev. Kirchengemeinde St. Anna, Löwenbruch

Flüge ins Ausland wurde in den vergangenen Wochen heiß diskutiert. In den Osterferien, die am vergangenen Wochenende zu Ende gingen, nutzten der eine oder die andere die Gelegenheit und stieg in den Flieger Richtung Sonne. Hauptreiseziel: Mallorca oder eine andere Insel der Balearen. Die Inselgruppe im Mittelmeer wurde erst Anfang April vom Auswärtigen Amt aus der Gruppe der Hochrisikogebiete genommen. Das lag an stabil niedrigen sogenannten Inzidenzwerten in diesem Gebiet. Einige sahen da die Chance gekommen, endlich ein wenig Entspannung und Sonne zu tanken. Das klingt nachvollziehbar.

Gleichzeitig rät die Bundesregierung immer noch von allen nicht notwendigen Reisen im In- und Ausland ab. Die Verbreitung des Covid-19-Virus, zu viele und im Nachhinein nicht mehr nachvollziehbare Kontakte sollen so vermieden werden. Das klingt schlüssig.

Ein wenig zynisch wird es allerdings, wenn ich davon lese, dass es vergangene Woche vom Flughafen BER per Charterflug zu einer Sammelabschiebung Richtung Afghanistan gekommen ist. Staatlich verordnete Flugreisen also. 20 Männer wurden so gezwungen Deutschland zu verlassen. Afghanistan ist besonders stark von der Corona-Pandemie betroffen und nachweislich Hochrisikogebiet. Zusätzlich herrscht dort seit Jahren quasi Bürgerkrieg, was eine Abschiebung dorthin rechtlich mindestens bedenklich macht. Das Gesundheitssystem war vor der Pandemie schon schlecht, liegt aber jetzt komplett am Boden. Die wenigsten schweren Verläufe können versorgt werden. Ein Großteil der Bevölkerung leidet, weil wegen der Gewalt und immer stärker werdenden Dürren seit Jahren die Ernten schlecht sind, an Hunger. Die so geschwächten Körper sind besonders anfällig für einen schweren Verlauf. Über die Chancen auf dem Arbeitsmarkt für die 20 „Neuankömmlinge“ müssen wir gar nicht erst reden.

Als ich das las, musste ich an meinen Bekannten Kava* (Name geändert) denken, der auch aus Afghanistan stammt und in Deutschland Asyl beantragt hat. Ich habe ihn im vergangenen Jahr über eine Pfarrkollegin kennengelernt. Kava befindet sich in der Gemeinde meiner Kollegin im „Kirchenasyl“. Kirchenasyl bedeutet, dass eine Gemeinde einer Person, deren Asylantrag abgelehnt wurde, für einen gewissen Zeitraum Schutz und einen Wohnort bietet. Währenddessen überprüfen Anwälte den Asylantrag erneut. Oft werden Fehler festgestellt, die fälschlicherweise zu Abschiebungen geführt hätten, hätte nicht jemand noch mal hingeguckt.

Kava hat mir auch von seiner Flucht erzählt, die schon vor sieben Jahren begann. Die ihn in den Iran, nach Griechenland, Schweden und schließlich nach Deutschland führte. Auf jeder Station versuchte er Fuß zu fassen, immer wieder lernte er Sprache und Leute kennen. Immer wieder wurde er weitergeschickt. Seine Familie hat er seit seinem Aufbruch nur per Video gesehen. Er vermisst sie sehr und hat dennoch große Angst vor der Abschiebung. Das Land aus dem er aufgebrochen ist, hat sich stark verändert und das leider nicht zum Guten. Die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl fordert seit Jahren, aber in dieser Situation noch einmal besonders, die Abschiebungen nach Afghanistan auszusetzen. Deutschland schiebt da Menschen in ein Kriegs- und Krisengebiet ab, dessen Krise sich durch die Pandemie, die unser Gesundheitssystem schon an die Grenzen bringt, noch einmal verschärft hat.

Ich bin deswegen froh, dass sich in unserer Landeskirche immer wieder Gemeinden dazu entschließen Menschen Kirchenasyl zu gewähren. Unterstützung, Zeit, Geld und Räume bereitstellen, damit noch mal genau hingeguckt werden kann. Das hat jeder Mensch verdient, glaube ich, genauso wie einen bisschen Sonnenschein und Seele baumeln lassen zur rechten Zeit. 

 

Letzte Änderung am: 19.04.2021