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Reden, Denken, Fühlen und Handeln gehören zusammen.

Wer authentisch leben möchte, ändert seine Meinung nicht mit dem Wind und bleibt als demokratieliebender Mensch dennoch tolerant und kompromissbereit.

Von Pfarrer Markus Sehmsdorf, Ev. Pfarrsprengel Baruth/Mark

Erinnern Sie sich noch an Ihren Lieblingslehrer? Zu meinem letzten Klassentreffen war Herr Müller gekommen. Gradlinig, streng, gerecht und daran interessiert, dass wir in seinem Fach Physik etwas fürs Leben lernen. Ja, auf den Lehrer konnte man sich verlassen, und alle aus meiner Klasse mochten ihn. Wenn ich mal meine Hausaufgaben vergessen hatte, dann drehte er mir keinen Strick daraus. Er setzte sich für jeden Schüler und jede Schülerin ein – eben ein Schüler-Versteher. Er war authentisch und damit berechenbar.

Wenn ich jetzt in unserem Land Brandenburg unterwegs bin, dann werben überall Einzelpersonen und Parteien für Ihre Stimme, um sich für Sie in Europa und in der Kommunalpolitik stark zu machen. In vielfältiger Weise werden uns Alternativen aufgezeigt. Alternativen sind immer Veränderungen zum Bestehenden. Und Parteien sind eben immer nur Teile einer großen Gemeinschaft. Auch Einzelpersonen werden zu Teilen einer Gemeinschaft. Die Frage bleibt: Welchen Interessengruppen beziehungsweise welche Parteien verfolgen mein Interesse? Und ist mein Interesse für die anderen erkennbar?

Herr Müller war für uns damals erkennbar. Er war authentisch. Authentizität leitet sich aus dem Griechischen „authentikós“ ab: „autos“ bedeutet „selbst“ und „ontos“ bedeutet „sein“. Demzufolge kann man Authentizität mit „man selbst sein“ übersetzen. Damit verbunden ist Glaubwürdigkeit, Zuverlässigkeit, Unverfälschtheit und Wahrhaftigkeit. Aber mal ehrlich: kann man immer authentisch sein? Spielen wir nicht immer auch unsere Rollen, in die wir hineingedrängt sind? Wie kritisch informieren wir uns denn beispielsweise über Programme und Ziele? Wie leicht lassen wir uns eigentlich verführen von wohlklingender Werbung? Werden wir nicht unserer Rolle gerecht, wie vorher von den Parteien schon berechnet?

Auch als Nichtwähler bin ich manipuliert, indem ich indirekt das wähle, was ich eigentlich nicht will. Reden, Denken, Fühlen und Handeln gehören schließlich zusammen und sorgen für authentisches Leben. Wenn ich dann noch dafür einstehe, Werte zu leben, die Gemeinschaft zu fördern und Zukunft in der Nachhaltigkeit zu ermöglichen, dann werde ich erkennbar.

Jesus sagte in seiner Bergpredigt: „Sagt einfach: Ja, Ja oder Nein, Nein. Jedes weitere Wort kommt vom Bösen“. Wer authentisch leben möchte, ändert seine Meinung nicht mit dem Wind und bleibt als demokratieliebender Mensch dennoch tolerant und kompromissbereit. Und wegen seiner Erkennbarkeit wird man auch angreifbar. Doch vor allem ist man als authentisch lebender Mensch liebenswert – eben so wie mein ehemaliger Klassenlehrer Herr Müller.

Letzte Änderung am: 13.05.2019