Zur Hauptnavigation springen Zur Suche springen Zum Inhalt springen
RSSPrint

Wo das Licht hinfällt, sieht man klarer

geht es nun in die Adventszeit

Von Superintendentin Dr. Katrin Rudolph, Ev. Kirchenkreis Zossen

Ein weißes Gesicht, von dem man nur Nase, Mund und Ohren sieht, ein blanker Schädel, der Rest wird verdeckt von einer schwarzen Augenbinde. Der Hintergrund strahlend rot. Hals und die Schultern werden aus ebenfalls weißen Buchstaben gebildet. Ich lese: „Es ist einfach, für unsere Zukunft schwarz zu sehen. Alles andere erfordert Vorstellungskraft.“ Das Bild war vor einigen Monaten in der Märkisch Allgemeinen Zeitung abgedruckt, der Preisträger eines studentischen Wettbewerbs. Vielleicht erinnern Sie sich.

„Es ist einfach, für unsere Zukunft schwarz zu sehen. Alles andere erfordert Vorstellungskraft.“ Einfacher ist es sicher. Ob es „die da oben“ sind, von denen nichts zu erwarten ist. Oder „die Medien“ oder „die Wirtschaft“ oder „die Politik“. Schwarz und Weiß und Schubladen, in die man nur noch einsortiert, sparen Kraft und Mühe. Aber sie machen das Leben auch ärmer.

Ich bin froh, dass der dunkle November nun endlich vorüber ist. Es ist gut, ihn zu haben. Wir brauchen Zeit, in denen wir uns unserer Endlichkeit und Sterblichkeit bewusst werden, „auf dass wir klug werden“.

Dafür müssen wir auch Alltag und Produktivität unterbrechen, Buß- und Bettag und Volkstrauertag und Ewigkeitssonntag bewusst wahrnehmen. Aber wie gut tut es, dass darauf jetzt der Advent folgt. Nicht mit Macht. Langsam gewinnt er Raum. Bis zur Wintersonnenwende kommt nun jeden Sonntag ein Licht auf dem Adventskranz dazu. Jede Woche wird es heller, bis die Sonne übernimmt und die Nächte wieder kürzer werden. Und in der Dämmerung ist dann nicht nur Platz für Schwarz-Weiß, sondern auch für Grautöne, rosa Abendhimmel und goldene Morgensonne. Wo das Licht hinfällt, sieht man klarer.

Vorstellungskraft hat wahrscheinlich auch etwas mit Begabung zu tun. Und es mag Kraft kosten, Visionen von einer besseren Welt zu entwickeln. Aber auch dafür gibt es Unterstützung. So, wie es manchen hilft, das 3-D-Modell eines Architekturentwurfs zu sehen, um es sich vorstellen zu können.

Wir haben unter anderem die Weihnachtsgeschichte, auf die wir in den nächsten Wochen zugehen. Auch sie ist so eine Art Modell, das Menschen über Jahrtausende Kraft gegeben hat, weil sie eine Gegenwelt zur Wirklichkeit erklärt. Da ist die Rede von einem Kind, das in der Fremde ohne Obdach geboren wird, und vor dem sich doch Könige verneigen. Da hören wir von prekär arbeitenden Hirten, denen Engel begegnen und die deshalb zuerst, vor allen anderen, von der frohen Botschaft erfasst werden.

Allein sich vorzustellen, dass so etwas möglich sein könnte, verändert unsere Realität. Schrittweise, wie das zunehmende Licht auf dem Adventskranz, bis das übernimmt, auf das wir warten: das Gute, das Schöne und das Wahre, Glaube, Liebe und Hoffnung.

Letzte Änderung am: 02.12.2019