Zur Hauptnavigation springen Zur Suche springen Zum Inhalt springen
RSSPrint

Wenn der Tod über den Fluss kommt

Das Im-Blick-Behalten des Todes am Ende des Kirchenjahres kann diesem auch ein wenig seinen Horror nehmen. 
Von Superintendentin Katrin Rudolph, Ev. Kirchenkreis Zossen-Fläming

„Einmal kam der Tod über den Fluss, wo die Welt beginnt.“ So beginnt eine Geschichte des oft eigensinnigen Kinderbuchautoren Janosch, der vielen vor allem durch seine Illustrationen sofort vor Augen ist. Wie eigensinnig, aber auch wie weise, Kindern ein Märchen vom Tod zu erzählen. Und so entspannt sich in der Geschichte ein Dialog zwischen dem Tod, der da über den Fluss kommt, und einem Gänsehirten. Seine Zeit sei gekommen, ob er das wisse, fragt der Tod den Hirten. Er habe noch nicht damit gerechnet, antwortet der Hirte, aber da er den Tod schon lange auf der anderen Flussseite im Blick habe, hätte er auch keine Angst.

Er würde noch ein paar andere Leute abholen und dann auf dem Rückweg wieder vorbeikommen, sagt der Tod. Und so geschieht es. Die Leute, die der Tod nun dabeihat, sind: Ein reicher Geizhals, dem noch fünf Häuser zu seinem Glück gefehlt hätten, ein Rennfahrer, dem fünf Minuten zu seinem Sieg fehlten, ein Berühmter, dem noch ein Orden zu seinem Ruhm fehlte, und lauter andere Unglückliche. „Ein alter Mann war freiwillig mitgegangen,“ heißt es, aber „auch er war nicht froh, denn siebzig Jahre waren vergangen, ohne dass er das bekommen hatte, was er hatte haben wollen. Schlimm für sie alle.“

Ist es das, was uns den November mit seinen Gedenktagen Jahr für Jahr so schwer macht? Die Erinnerung daran, dass da noch so viel ist, was wir noch nicht erreicht haben? Beziehungsweise die Resignation in solchen Fällen, wo wir alle Hoffnung aufgegeben haben? Mit der eigenen Endlichkeit konfrontiert zu werden, ist jedenfalls keine schöne Übung. Schöner wäre es, direkt auf das Licht im Advent zuzugehen.

Aber unser eigensinniger Kinderbuchautor hat so recht wie unsere Großeltern im Glauben, die das Sterbegedenken an das Ende des Kirchenjahres und vor Beginn des neuen Jahres legten. Der Gänsehirte in dieser Geschichte jedenfalls stand auf und „ging mit über den Fluss, als wäre nichts, und die andere Seite hinter dem Fluss war ihm nicht fremd. Er hatte Zeit genug gehabt, hinüberzuschauen, er kannte sich hier aus, und die Töne waren noch da, die er immer auf der Flöte gespielt hatte.“

Viel ist darüber gesagt und geschrieben worden, dass das Bewusstsein für die Endlichkeit unserer Zeit auf Erden erst jede Minute kostbar macht. Schon dafür ist der Ewigkeitssonntag, an dem viele Kirchengemeinden zu Andachten auf die Friedhöfe einladen, eine wichtige geistliche Übung. Aber darüber hinaus kann das Im-Blick-behalten des Todes diesem auch etwas von seinem Horror nehmen. Zu wissen, dass der Tod zum Leben gehört wie die Geburt, hilft nicht nur zu einer Kunst des Lebens, sondern kann auch eine Kunst des Sterbens lehren. Diese Erinnerung muss auch nicht dunkel bleiben.

Vielleicht zünden Sie am Sonntag ein Licht an für jemanden, der nicht mehr unter uns ist. Trauer braucht seinen Raum, in diesem Jahr ganz besonders, wo das Sterben ohnehin so mächtig scheint. Umso wichtiger ist es, ihm Worte, Texte, Geschichten und Lieder zu geben und ihn damit auch zu begrenzen, ihn fassbar zu machen. „Was mit den Gänsen geschah?“ fragt Janosch am Ende der Geschichte und gibt selbst die gelassene Antwort: „Ein neuer Hirte kam.“

Letzte Änderung am: 29.11.2021