Zur Hauptnavigation springen Zur Suche springen Zum Inhalt springen
RSSPrint

Geh aus mein Herz

Eine Melodie führt hinaus und vor Augen, was es da alles zu entdecken und zu sehen gibt.

Von Generalsuperintendentin Theresa Rinecker, Sprengel Görlitz

Geh aus mein Herz. Es zieht sie hinaus. Die Kinder und Jugendlichen, die Eltern und Großeltern zieht es ins Freie. Endlich Temperaturen, die zum Verweilen einladen. Endlich belebtere Spielplätze und Fußwege und Marktplätze. Es zieht sie hinaus in die Farbe und die Fülle des Lebens, ins Analoge, ins mit allen Sinnen Wahrnehmbare. Es zieht sie hinaus. Endlich, wenn auch ein bisschen später in diesem Jahr.

„Sind deine schon soweit?“ „Nein, die brauchen noch. Vielleicht dieses Wochenende.“ – Gespräch unter Gartennachbarn über die Blüte der Pfingstrosen. Sind Ihre schon soweit? Mit zwei Wochen Verspätung werden meine mir wohl am kommenden Wochenende so etwas wie ein zweites Pfingstfest in diesem Jahr bescheren. Natürlich weiß ich, dass ich die Uhr nicht zurückdrehen kann, will ich auch gar nicht. Aber eine Prise Pfingstfreude nehme ich gerne noch einmal. Davon kann ich gar nicht genug bekommen. Kann gar nicht genug Farbe zu sehen und Duft zu riechen bekommen. Kann gerade gar nicht genug sattes Grün sehen und violetten Rhododendron und gelben Raps. Kann gar nicht genug zuhören, wenn die Nachbarinnen sich unterhalten. Und warte so auf das dunkle tiefe Rot der Pfingstrosen im Garten.

Am Pfingstsonntag standen wir nach einem Gottesdienst mitten in einem Kirchgarten. Wenigstens ein Lied wollten wir im Freien singen. Die Frage in die Runde, welches denn gewünscht ist, war kaum ausgesprochen, da rief eine Frau schon: „Geh aus mein Herz...“ und wir sangen, natürlich etwas vorsichtig und unsicher: „... und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit an deines Gottes Gaben. Schau an der schönen Gärten Zier und siehe, wie sie mir und dir sich ausgeschmücket haben.“ Da kann einem das Herz aufgehen. Das beschwingte Lied lädt ein mitzuschwingen und sich zu bewegen. Eine Melodie führt hinaus und vor Augen, was es da alles zu entdecken und zu sehen gibt. Was sich da berühren und begreifen lässt. Wenn das Herz ausgeht – also sich öffnet – hinein in diese Sommerzeit, dann kann es vielleicht mitsingen. Ein Lied, das staunt über die Schönheit der Natur. Ein Lied, das in der Natur gar die Schöpfung besingt und die Gärten und Menschen und Farben und Gerüche als Hinweis auf Gott ahnt. „Love is in the air...“

Die Bibel erzählt gleich zu Beginn von einem Garten. Der Garten Eden ist seitdem Inbegriff für die Schöpferkraft Gottes und die Fülle von Lebensmöglichkeiten. Ein Paradies eben, ein „Garten der Wonne“, der so gerade angesichts vielfältiger Bedrohungen immer zugleich auch ein Sehnsuchtsort ist. Wenn sich vielleicht doch auch in unseren Gärten, in den Vor-, Klein-und Klostergärten die Spuren Gottes entdecken lassen? Sich gar kreuzen mit den Spuren der Menschen? Freilich braucht es, mindestens für mich, immer wieder auch Anregung und Augenmerk dafür, die Gärten und das, was mich umgibt, so betrachten zu können. Damit man aufsehen kann vom Monitor. Fernsehen ausschalten und Nah-Sehen anschalten kann. Damit Zeit ist, sich Zeit zu nehmen und diese Zeit dann dem Sehen und Riechen und Kosten gewidmet werden kann. Damit man langsamer wird. Zu Fuß geht oder das Fahrrad nimmt oder einfach auf einer Bank sitzt. Und so das Herz ausgehen lässt.

Übrigens: Das Kirchenlied von der schönen Sommerzeit treibt das Bild von den Gaben der Schöpfung sogar noch etwas weiter. Treibt es regelrecht auf die Spitze. Denn es vergleicht uns Menschen mit schönen Blumen. Und bittet Gott: „Verleihe, dass zu deinem Ruhm ich deines Gartens schöne Blum und Pflanze möge bleiben.“

Ach so: Wir könnten uns sehen als Pfingstrose, schon erblüht oder noch nicht, zwei Wochen zu spät, manchmal auch zu früh. Manchmal grell leuchtend und manchmal Mauerblümchen, manchmal Schwertlilie oder Frauenmantel oder Rittersporn. Was auch immer. Wir können einander zur Freude werden und farbenfroh blühen. Selber Garten sein. Teil der Schöpfung. In Vielfalt nebeneinander. Und wenn ich das vergesse, soll mir doch bitte einer ins Ohr summen: „Geh aus mein Herz und suche Freud.“

Damit die Freude nicht wegrutscht an den Erfahrungen, die schwer sind und eng, traurig und enttäuschend. Damit wir uns nicht selber wegrutschen als die, die von Gott her gewollt sind in ihrer jeweiligen Eigenart und Schönheit. Also: Geh aus mein Herz und suche Freude.

Letzte Änderung am: 12.06.2021