Zur Hauptnavigation springen Zur Suche springen Zum Inhalt springen
RSSPrint

Von offenen Trosträumen

Von Generalsuperintendentin Theresa Rinecker, Sprengel Görlitz

Der November hat es in sich und verlangt uns einiges ab. Die kurzen Tage und frühen Dunkelheiten bringen weniger Licht und werfen uns auf uns selbst zurück. Manchen quält das sehr und – als sei der November nicht in sich schon herausfordernd genug – verstärkt sich dies durch die Zumutungen, die mit dem Virus einhergehen. Wir vermissen die üblichen Spielräume für Spontanität und das Durchlüften der Seele. Wir vermissen den Kinobesuch und den Schwatz beim Italiener um die Ecke. Wir vermissen auch Live-Musik und Konzerte und all das, was in einem schönen Sinne hilft, sich selbst auch einmal hinter sich zu lassen, das „einende Singen, Zuhören, Weinen und Jauchzen.“ wie es Herbert Grönemeyer beschreibt.

Der Rückzug ins Private scheint naheliegend. Wie komme ich denn durch diese Tage? Wie kommen Sie denn durch diese Tage? Was hilft uns, die Novemberwochen nicht nur als Tage, die irgendwie wie in einem Dauernebel an uns vorbeiziehen, zu erleben? Viele Fragen laufen auf, die Antworten suchen und doch zumindest Ausblicke. Sie laufen in meinen Augen auch zusammen in einem Suchen nach dem, was hoffen lässt und tröstet. Was uns als Einzelne und unsere Gemeinschaft und Gesellschaft hoffen lässt.

Offene Räume trösten und die Kirchen bieten sie. Räume, die zu stiller Einkehr und zum Gebet einladen. Ich gehe in eine Kirche hinein und sehe, dass in der Nähe des Altars schon fünf Gebets - Lichter brennen. Fünf also waren mindestens heute schon an dieser Stelle. Fünf mindestens, die ihre Suche und ihre Bitte, auch ihren Dank und ihre Hoffnung hier her, vor Gott, bringen. Mein Blick wandert weiter und fällt auf das Kreuz. Das Zeichen für den in Jesus Christus mitleidenden und zutiefst solidarischen Gott. Und ich denke an ein Wort aus der Bibel in dem Gott zusagt: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet!“ Danke, für diesen Trostmoment im offenen Raum.

In einen zweiten Trostraum trete ich ein, wenn ich dem selbstverständlichen Tun und Alltag anderer begegne. Also dem der Zahnarzthelferin und der Blumenfrau, dem Hausmeister und der Postbotin, der Fernsehmoderatorin und dem Busfahrer. Sie verkörpern ein Stück Normalität, die gut tut.

Daran knüpft ein dritter Trost an, der im ersten Moment vielleicht verwundert. Dass es Tage gibt, die Menschen und ihre und unsere Geschichte besonders erinnern. Tage, an denen auch Schmerz und Schuld einen besonderen Raum haben. Am 9. November haben wir an die Reichspogromnacht erinnert und nun erinnert der Volkstrauertag an die Gewaltopfer und Kriegstoten der Nationen. Die raue Seite der Wirklichkeit und auch unserer Geschichte tritt vor Augen. Manchen höre ich sagen: „Hör mir auf mit den alten Geschichten…“ Und dann kommt oft noch ein Nachsatz in die eine oder andere Richtung. Als wäre nicht alles schon schwierig genug. Aber wir erinnern ja nicht zuerst Zahlen sondern schauen gewissermaßen tiefer und durch die Zahlen hindurch. Zahlen lassen sich ja auflösen in Lebensgeschichten, in Gesichter und in Menschen. Denn jede und jeder Einzelne von ihnen hatte einen Namen, hatte eine Geschichte, hatte Menschen, die zu ihm gehörten, hatte Träume, die nicht mehr reifen konnten. Jede dieser Lebensgeschichten zählt und hinterlässt ihre Spuren. Die reichen in viele Familien hinein. In fast jeder Familie gibt es Geschichten, die weiter erzählt werden. Sie erzählen von Menschen, die nicht zurückgekommen sind, von Leid und Not aber auch von Mut und Bewahrung. Von Abbrüchen und Neuanfängen und der immer weiter reichenden Suche nach neuen Horizonten. Wir Menschen sind also offenbar in der Lage, durch Zahlen hindurchschauen und in Lebensgeschichten hinein. Das lässt mich hoffen.

In diesem Jahr denken wir auch besonders an die Menschen, die an und mit dem Corona-Virus gestorben ist. Sie sind nah in dem Schmerz und der Trauer ihrer Angehörigen und Lieben. Auch in den Gesichtern der Behandelnden. Und an die anderen Kranken ist zu denken, deren Behandlung verschoben ist und die schwer mit tragen. Die vielleicht länger als sonst auf Reha-Termine warten und die noch geduldiger sein müssen. An diesen Novembertagen sind offene Trosträume für die Lebenden und Erinnerungsräume für die Gestorbenen notwendig. Und immer auch Orte und Räume sich in das Vertrauen einzuüben. Um der Lebenden und Gestorbenen willen. Sie glaubend dem anzuvertrauen, der Zeit und Ewigkeit beisammen hält.

Als Christin glaube ich an einen Gott, der sich Namen in Ewigkeit merkt und Gesichter und Lebensgeschichten. Und der trösten will „wie einen seine Mutter tröstet.“ Selbst wenn wir mitunter vergesslich sind, ist Gott ewige Liebe und ewiges Gedächtnis. Er ist auch in den Novembertagen der dauerhaft offene Trostraum.

Letzte Änderung am: 23.11.2020