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Nur zu beten reicht nicht

Am Beispiel von Hiob 42,2: Warum das Nachdenken über sperrige Bibelworte Gewinn bringen kann.

Von Pfr. Hartmut Hochbaum, Ev. Pfarrsprengel Zossen-Wünsdorf

Seit mehr als 280 Jahren gibt es für jeden Tag im Jahr ein Bibelwort – aus einer Sammlung von Bibelsprüchen im Städtchen Herrnhut/Oberlausitz gelost, das heißt gezogen. Aus dem vom Gemeindeleiter Nikolaus Ludwig von Zinzendorf im Mai 1728 verkündeten Bibelwort für den kommenden Tag hat sich die Praxis der täglichen, ganz verschiedenen Bibelworte durchgesetzt. Sie werden weltweit gelesen und erfreuen sich großer Beliebtheit.

Auch ich lese sie gern – manche finde ich gut und hilfreich; es gibt solche, von denen ich denke: Die passen genau in deine Situation. Andere finde ich, weil oft aus einem größeren Zusammenhang gerissen, nicht ansprechend. Und es gibt solche, die ich gern glauben möchte, aber es fällt mir schwer, sie bedenkenlos nachzusprechen.

Solch ein Bibelwort begleitet uns durch den Sonnabend, dem 6. April. Es entstammt der Geschichte vom leidenden Hiob, der angesichts von Krankheiten an seinem Gott verzweifelt. Und doch bekennt dieser extrem an Körper und Seele kranke Mensch: Ich erkenne, Herr, dass du alles vermagst, und nichts, was du dir vorgenommen, ist dir zu schwer (Hiob 42,2). Es ist erstaunlich: Der fromme Hiob gibt trotz aller Schmerzen und Verluste seinen Glauben nicht auf. Er bekennt sich zu seinem Gott, ohne Wenn und Aber. Auch wenn wir wissen, dass die Geschichte von Hiob eine fromme Legende ist, so möchte sie doch die eine Wahrheit unter die Menschen tragen: Wer an Gott glaubt der darf in allen Dingen auf Gott setzen; nichts ist für Gott unmöglich.

Und genau hier lehne ich mich zurück, denke nach und stelle mir meine Fragen: Was vermag Gott in dieser Zeit? Was nimmt er sich vor? Gelingt ihm tatsächlich alles? Kann er alles? Oder will er vielleicht doch nicht alles? Und je mehr ich darüber nachdenke, wird mir bewusst, dass dieses Bibelwort eine Kernfrage unseres Glaubens und unseres Gottes-„ Bildes“ aufwirft. Denn zu gerne hätte ich meine Wünsche erfüllt gesehen: Frieden weltweit, ausreichend Nahrung und Wasser für alle; Klimarettung; Herstellungsstopp aller militärischen Güter; gleiche Bildungschancen weltweit und die Gleichberechtigung von Frauen und Männern und, und, und. Mir fällt vieles ein von dem ich denke: Das alles müsste im Sinne Gottes sein. Wie toll wäre das, wenn meine (sicher nicht nur meine) Wünsche Realität würden – weltweit und in Gemeinschaft mit der Vielfältigkeit der Religionen. Viele Gebete in Gottesdiensten bringen dies zur Sprache. Gott, bitte, schaff‘ Veränderungen! Doch die Wirklichkeit ist ernüchternd. Gerne würde ich wie Hiob beten und bekennen.

Ist etwa alles umsonst? Will Gott vielleicht gar nicht eingreifen und überlässt uns das „Heft des Handelns“? Gibt es eine Brücke zum Verstehen dessen, was dieses Bibelwort für den 6. April rettet? Oder bleibt es eins, das nicht nachvollziehbar ist? Im Nachdenken finde ich den Weg hin zu dieser Brücke. Ich glaube, dass Gott nicht der „automatisch Handelnde“ ist. Warum sollte er uns die Arbeit abnehmen? Wir Menschen haben vieles, eben auch das Bedrückende, das Unmenschliche und manches Katastrophale in Gang gesetzt – sollten wir da Gott „die Suppe auslöffeln“ lassen? Nein! Wir sind zuallererst gefragt. Wir, mit einem Willen und einer Einsicht in die Notwendigkeit von Veränderungen, um dieser schönen Erde eine Zukunft für alle zu geben. Die Hände in den Schoß zu legen und allein zu Gott zu beten – das dürfte nicht reichen. Also: Wir können etwas bewegen – und dazu Gott um Hilfe, um Kraft, um Geduld, um einen langen Atem und um Entschlossenheit zu bitten.

So, denke ich, kann das Bibelwort aus der fragwürdigen Ecke herausgeholt werden. Wir und Gott – und Gott und wir. Es gemeinsam anzupacken – sollte das nicht möglich sein? Manchmal sind sperrige Bibelworte gar nicht so schlecht, weil sie sich nicht zum Überlesen eignen, sondern eher zum Stolpern, um sie danach besser zu begreifen.

Letzte Änderung am: 15.04.2019