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RSSPrint

Blick über den Tellerrand

Der interreligiöse Jahreskalender als Anregung zum interkulturellen und interreligiösen Austausch

Von Pfr. Hartmut Hochbaum, Ev. Pfarrsprengel Zossen-Wünsdorf

Seit ein paar Jahren verschickt der Verein Neues Potsdamer Toleranzedikt den interreligiösen Kalender für das Land Brandenburg. Meist bestelle ich noch weitere Exemplare, die ich gern an Interessierte weiterreiche. Mir gefällt dieser Kalender ausgesprochen gut. Zwar kann ich nicht über Kalendermangel klagen, aber gerade dieser Kalender bekommt auch in diesem Jahr seinen besonderen Platz. Nicht deswegen, weil er besonders groß oder herausragend grafisch gestaltet ist. Im Gegenteil: Er stellt sich mit seinen monatlichen Fotos zu verschiedenen religiösen Gruppen, Gemeinschaften und Vereinigungen eher bescheiden dar. Aber das Wesentliche, weshalb ich den Kalender mag, ist die auf zwölf Blättern dargestellte Vielfalt der Religionen im Land Brandenburg – ergänzt durch einen rückseitigen Überblick über die im jeweiligen Monat stattfindenden Feste und Gedenktage der Religionen.

Ich staune über die Vielfalt christlicher Konfessionen und religiöser Vereinigungen und Gruppen, die es nicht nur in Brandenburg, sondern auch in anderen Bundesländern zuhauf gibt. Ich staune über die Fülle der Feiertage, die um uns herum gefeiert und begangen werden. Und ich staune noch immer über das, was ich noch nicht über andere religiöse Gruppen weiß – und das weckt meine Neugier.

Ich freue mich, dass christliche Kirchen und religiöse Gruppen gern auf sich aufmerksam machen. Schaut her! Das sind wir. Das sind unsere Feste und unsere Gepflogenheiten. Schaut und lasst Euch einladen, mal vorbeizukommen! Insofern ist der interreligiöse Kalender für mich wie eine Eintrittskarte. Aber auch dann, wenn ich keinen interreligiösen Kalender hätte, wird mir – nicht zuletzt durch die unmittelbare Nähe der Erstaufnahme in Wünsdorf – immer wieder die uns umgebende kulturelle und religiöse Vielfalt deutlich. Ich lasse mich gern einladen zu Festen, die diese oder jene Gruppe feiert und gestaltet.

Ich freue mich, wenn ich auch für mich Neuartiges erfahre. Der berühmte Blick über den Tellerrand hinaus gibt mir neue Einblicke in das, was Religion ist: Nicht allein meine Rückbesinnung auf das, was mein Leben trägt, sondern auch das gemeinsame Suchen – in aller Verschiedenheit – nach Frieden, nach Gerechtigkeit, nach Sinnhaftigkeit, nach innerer Freiheit und nach Menschlichkeit. Ich lass mich gern daran erinnern, dass nicht allein meine Religion und meine Kultur Maßstab aller Dinge ist, sondern all‘ das, was ich an Vielfalt erlebe, eine Bereicherung ist.

Und genau das lässt mich auch fragen: Wo sind die Unterschiede, und was bedeutet mir mein eigener Glaube? Und weil der mir wichtig ist und mein Leben trägt, kann ich all‘ das mit einbringen, wenn ich mit Menschen in Kontakt komme, die mir von ihren religiösen Gepflogenheiten berichten. Gern würde ich noch viel mehr kennenlernen. Religionen in einer Demokratie können sich wunderbar ergänzen, wenn wir einander offen begegnen und einander tolerieren. Das gelingt uns nicht immer und überall. Auch ein interreligiöser Kalender wird daran nichts ändern. Das wird auch den Machern des Kalenders bewusst sein.

Dennoch ist er wie ein kleines Puzzleteil, das sich einfügt in ein großes Bild, das noch im Entstehen ist. Ein Bild, auf dem jede Religion ihren Platz findet, ohne diesen anderen streitig zu machen. Ein Traum? Vielleicht! Aber manchmal beginnen Veränderungen mit einem kühnen Traum. Und dafür ist es nie zu spät – auch wenn ich meinen interreligiösen Kalender am Ende des Jahres wieder abhänge. Aber ich hebe ihn auf – als Einladung zum Losgehen.

Letzte Änderung am: 18.02.2019