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Hitze zwingt zur Abkühlung von Leib und Seele

Die Wärme ist eine Lehrmeisterin für überhitzte Gemüter und Daueraufreger, für Arbeitstiere und Endloskämpfer

Von Pfarrer Bernhard Gutsche, Ev. Kirchengemeinde Jüterbog 

Dicke Mauern und wenig Technik – die Kirchen in der Region sind jetzt angenehm kühl. Man merkt es an den Besuchern. Es kommen zunehmend Menschen, die einfach nur mal in der Bankreihe sitzen wollen. Nicht die anstrengenden 217 Stufen auf den Kirchturm bewältigen, nicht einmal alles anschauen, was an Kunst zu bestaunen ist, sondern einfach nur sitzen und die Kühle genießen.

Draußen wird einem heiß genug. Zu heiß. Es braucht also Orte, an denen man sich abkühlen kann. Schwimmbad, kalte Dusche oder eben solche kühlen Orte wie die Kirchen. Hier brennt nicht die Sonne. Hier erwartet keiner, dass man sich verausgabt. Hier hetzt keiner. Hier muss man nichts tun. Nichtstun wird hier geradezu erwartet.

Die Hitze zwingt die Menschen zum Runterfahren. Wer das nicht kann, der ist schnell erschöpft. Und spätestens dann bleibt ihm nichts anderes übrig. Eigentlich nicht schlecht – diese Wärme. Sie ist eine Lehrmeisterin für überhitzte Gemüter und Daueraufreger, für Arbeitstiere und Endloskämpfer. Die hohen Temperaturen zwingen uns zum inneren Abkühlen. Mindestens um ein paar Grad. Sich nicht gleich über alles aufregen. Sich nicht gleich heißreden. Sich nicht gleich ins Gefecht werfen. Bei der Rekord-Hitze draußen braucht keiner auch noch die Hitze des Gefechts.

Besser ist es, Siesta zu machen oder lauwarmen Tee zu trinken oder alle Viere gerade sein zu lassen. Wo auf dieser Welt solche Temperaturen üblich sind, hat man längst Überlebensstrategien entwickelt. Und man hat gemerkt: es geht auch. Sogar nur so. Denn schließlich kann man zwar das Thermometer manipulieren, aber nicht die Temperaturen.

Also akzeptieren wir es! Entspannung ist angesagt. Auch in der Gesellschaft. Mehr in das soziale Klima investieren. Etwas mehr Geld in die Kitas und in die Pflege. Das alles ist gewiss überfällig. Aber immerhin kommt es jetzt. Und ein bisschen Druck vom Kessel nehmen. Sich auch mal etwas gönnen. Vor allem denen, die sonst überhitzen. Vielleicht tut uns die Hitze doch mal ganz gut. Nicht den Landwirten, nicht den Bäumen, aber uns als Gesellschaft. Nicht sich und seine vermeintlich richtige Sicht brachial durchsetzen wollen, sondern verstehen, dass ein Ausgleich viel mehr bringt. Zumindest etwas Entspannung und damit Abkühlung. Und ein bisschen Frieden für die aufgescheuchten Seelen. Klingt fromm?

Naja. Ich habe halt auch etwas länger in der kühlen Jüterboger Kirche gesessen. Und ich habe akzeptiert, dass ich heute nicht mehr sehr produktiv sein werde. Und ich habe die Leute beobachtet und gemerkt, dass die das auch akzeptieren. Und ich habe dabei eine eigentümliche Ruhe empfunden. Und gedacht, dass es doch so einfach sein kann. Und ich habe mich gefragt, warum wir manchmal zu unserem Glück gezwungen werden müssen.

Wenn die kühleren Temperaturen kommen, werden wir sie genießen und aktiver werden. Aber wir werden auch eine leichte Wehmut spüren nach den heißen Tagen, in denen wir nicht anders konnten, als uns an Leib und Seele abzukühlen.

Letzte Änderung am: 13.08.2018