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Ein Vorrat für die kalten und dunklen Tage

Zum Erntedank zählt nicht nur die Ausbeute der Ernte, es zählen auch Erinnerungen an gemeinsame Momente und schöne Stunden des Sommers

Von Pfarrerin Ines Fürstenau-Ellerbrock, Pfarrsprengel Niedergörsdorf

Noch einmal im Garten sitzen! Die Sonne einfangen, die Wärme. Für die Zeit, wenn es wieder kälter und dunkler wird – das kann man dieser Tage noch einmal tun. Und es ist Zeit für Erntedank. Erntedank: Nachdenklich schaue ich auf die verdorrte Steppe, die sich Pfarrgarten nennt. Die Felder dahinter wurden schon lange vor Erntedank abgemäht. Mit erbärmlichen Ertrag, was ich so gehört habe. Selbst das Heu für die beiden Pferde bei meiner Nachbarin wird knapp. Und sogar das Brot, so unkt man, könnte teurer werden.

Erntedank – so manchem liegt dieses Wort (und vermutlich ebenso das Fest dazu) in diesem Jahr quer auf der Zunge. Manch einer mag vielleicht sogar nur verächtlich schnauben. „Erntedank? Wofür denn?“. „Verständlich“, denke ich im ersten Moment. „Aber irgendwo auch nicht ganz fair“, denke ich einen Augenblick später. War denn in diesem „Jahrhundertsommer“ wirklich alles nur katastrophal und schlecht?

Mal abgesehen davon, dass Obstbauern, Winzer, Freibadbetreiber, Eisdielenbesitzer und Pensionsinhaber alles andere als Klagelieder über diesen Sommer singen – was ist mit den Kindern und Jugendlichen, die ihre Ferien endlich mal wonnevoll tagelang im Schwimmbad verbringen konnten? Was ist mit den Organisatoren und Besuchern der Dorf- und Gemeindefeste, die fröhlich bei schönstem Wetter die Veranstaltung genießen konnten? Was ist mit all den schönen Unternehmungen, Fahrradtouren und Ausflügen, die man als Familie endlich mal planen und unternehmen konnte?

Nicht, dass Sie mich missverstehen – ich will die Kehrseite nicht kleinreden. Das Leid der Landwirte, die Anstrengungen der Feuerwehren in diesem extrem feurigen Sommer, die gesundheitlichen Strapazen gerade auch der älteren Leute bei konstant hohen Temperaturen, und die Mühsal derer, die da gießkannenweise Wasser auf Beete oder die Blumen auf den Gräbern geschleppt haben. Aber nur zu klagen und Erntedank am besten ausfallen zu lassen, weil es der liebe Gott in diesem Jahr wohl nicht verdient hätte, dass man ihm dankt – nein, das ist auch nicht fair. Denn wir haben geerntet – nicht nur Äpfel im Überfluss und süße Trauben, sondern noch mehr. Allein: nicht jede Ernte lässt sich in klingende Münze umrechnen. Aber das heißt nicht, dass sie weniger wichtig wäre.

Kennen Sie eigentlich Frederik, die Maus? Eine Mäusefamilie, so heißt es in einer Kindergeschichte von Leo Lionni, lebte einst unter einer Mauer. Und als der Sommer zu Ende ging, begannen alle Mäuse fleißig, Körner und Beeren und sonstige Vorräte in ihren Bau zu bringen. Alle, bis auf Frederik. „Frederik, warum arbeitest Du nicht?“ fragten die anderen Mäuse vorwurfsvoll, wenn Frederik mal wieder dösend in der Sonne saß. „Ich arbeite doch“, sagte dann Frederik, „ich sammle Sonnenstrahlen.“ So ging es weiter. Ein anders Mal sammelte Frederik Farben, und wieder ein anderes Mal Wörter. Sehr zum Verdruss der anderen Mäuse. Aber als es dann Winter wurde und irgendwann alle Beeren und Körner aufgefuttert waren, erinnerten sich die hungrigen und frierenden Mäuse an Frederiks „Vorräte“.

Und Frederik begann zu erzählen: von der warmen Sonne, vom Licht, von Farben, in so schillernden Worten, dass den Mäusen ganz warm wurde. Wir haben geerntet! Auch in diesem Jahr. Wir haben Erinnerungen an gute Momente geerntet, an frohes Beisammensein, an schöne Stunden – die nicht halb so glanzvoll wären, wäre es kalt, nass und grau gewesen. Eine Ernte, ein Schatz der ganz besonderen Art in unseren „inneren Scheunen“.

Ein Vorrat, den wir gewiss brauchen werden, wenn es kalt und dunkel wird. Ein Geschenk des Höchsten, das wir auch gänzlich ohne pflügen und streuen erhalten, für das wir ihm wahrlich danken können. Und sollten, wie ich meine. Und wenn man’s genau nimmt: nicht nur zu Erntedank.

Letzte Änderung am: 15.10.2018