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RSSPrint

Die Zeit des Wartens

Advent bedeutet, sich bereit zu machen und sich vorzubereiten auf die Geburt Jesu Christi

Von Pfarrerin Leen Fritz, Ev. Pfarrsprengel Zossen-Wünsdorf

Lange Schlangen vor Geschäften, ohne dabei zu wissen, was es dort zu kaufen gibt: Kartoffeln, Milch oder eine dicke Winterjacke? An manchen Tagen stand man auch ganz umsonst an. Der Roman „Die Schlage“ vom russischen Schriftsteller Vladimir Sorokin aus dem Jahr 1985 nimmt das Warten auf den Arm. Das gesamte Buch besteht aus Dialogen zwischen Wartenden. Der Leser weiß bis zum Schluss nicht, worauf die Anstehenden genau warten. Er weiß nur, dass sie warten.

So fühle ich mich manchmal auch. Das unwohle und unbestimmte Gefühl, dass da noch etwas fehlt. Doch oft kann ich gar nicht richtig sagen worauf ich warte.

„Worauf wartet ihr gerade?“, fragte ich die Jugendlichen meiner Jungen Gemeinde am vergangenen Dienstag. „Ich warte darauf, dass das Nudelwasser kocht; auf die Regionalbahn und das jeden Tag; darauf, dass etwas passiert; auf einen Asylbescheid; auf Weihnachten“, so die Antworten. Warten kann vielfältig und ganz persönlich sein. In keiner anderen Situation kann einem die Zeit so lang vorkommen, wie in der quälenden Zeit des Wartens. Doch kommt Warten in unserer heutigen Zeit noch vor?

Einer der Jugendlichen antwortete: „Man muss auf nichts warten, wenn ich etwas möchte mache ich es einfach.“ Warten ist etwas, was in unserem Leben immer seltener vorkommt. „Alles, und zwar sofort“ greift in viele Lebensbereiche hinein. Dabei ist Warten auch unabhängig von unserem Willen: Denn es gibt doch Dinge in unserem Leben, die können wir uns nicht selbst geben, die werden schlicht und ergreifend geschenkt. Liebe zum Beispiel. Zuspruch oder Trost.

Morgen ist der erste Advent und Advent hat mit „warten“ zu tun. In der Adventszeit erwarten wir die vielen Bräuche und gemütlichen Gewohnheiten, die das Warten wohlig und angenehm sein lassen. Aber worauf warten wir eigentlich noch? Warum fangen wir nicht an, unser Leben wieder neu in den Blick zu nehmen? Was hält uns zurück?

„Alle Jahre wieder“ stelle ich mir in dieser Jahreszeit diese Fragen. Man sollte meinen, dass es mit jedem dazukommenden Jahr einfacher wird, doch leider ist das bei mir nicht der Fall. Und Warten benötigt ein Ziel. Im Fall des Adventes ist es die Ankunft des Christkindes. Doch wir warten nicht nur auf das Kind in der Krippe. Dann wäre Weihnachten nur süßliche Erinnerung ohne lebensgestaltenden Wert. Nein, an Weihnachten vor mehr als 2000 Jahren hat etwas angefangen, worauf Menschen lange gewartet haben: etwas Befreiendes.

Advent bedeutet auch, sich bereitmachen und die Wartezeit aktiv zu gestalten. „Innere Vorbereitung und Großputz“ vor Weihnachten sozusagen: Wie steht es um mich, um meine Beziehungen? Was ist in Ordnung zu bringen? Wem bin ich Liebe schuldig geblieben? Diese Wartezeit ist Zeit, den Frieden zu tun. Adventszeit ist Lebenszeit, ist Wartezeit, in der ich mich neu ausrichten kann.

Also mach Dich bereit! Was ist Dein Ziel? Worauf wartest Du und was hält dich zurück, es zu verwirklichen.

Letzte Änderung am: 10.12.2018