Zur Hauptnavigation springen Zur Suche springen Zum Inhalt springen
RSSPrint

Samira A. hat „Frau Sorge“ nicht das Feld überlassen

Der Glaube und das Miteinander helfen Menschen, die ihre Heimat verlassen haben, einen Neustart in einem fremden Land zu schaffen.

Von Pfarrerin Mechthild Falk, Ev. Pfarrsprengel Jüterbog-Kloster Zinna, Beauftragte für die Arbeit mit Geflüchteten

Ein Sommer in Mecklenburg. Das war in diesem Jahr unser Urlaub. Dabei gab es auch nach vielen Jahren ein Wiedersehen mit den Kunstwerken von Ernst Barlach in Güstrow. Manches entdeckte ich dabei neu.

Zum Beispiel „Frau Sorge“, eine Radierung. Wer kennt Frau Sorge nicht? Goethe lässt im Faust die Sorge sagen: „Wen ich einmal mir besitze, dem ist alle Welt nichts nütze; ewiges Düstre steigt herunter, Sonne geht nicht auf noch unter, bei vollkommen äußern Sinnen wohnen Finsternisse drinnen, und er weiß von allen Schätzen sich nicht in Besitz zu setzen“. Und Carolin Emcke schreibt in ihrem lesenswerten Buch „Gegen den Hass“: „ Während die Hoffnung das ausblendet, was ihrer optimistischen Erwartung widerspricht, so leugnet die Sorge das, was ihr ängstlichen Vorahnungen entkräften könnte.“

Wie das aussehen kann, wenn „Frau Sorge“ das genau nicht schafft, erlebe ich immer wieder im Zusammensein mit Geflüchteten. In dieser Woche begleiteten zwei von ihnen mich zu einer Projektwoche am Gymnasium in Blankenfelde. Dort geschah das, was überall spätestens jetzt nach Chemnitz passieren müsste. Da saßen Geflüchtete und Einheimische zusammen, der Mathe-/Englischlehrer aus Kenia und die Bauingenieurin aus dem Iran im Kreis von Zwölftklässlern, die ihnen gespannt zuhörten und kluge, berührende Fragen stellten. Wirkliche Begegnung, miteinander reden, Fragen stellen. Da werden „die Flüchtlinge“ zu Menschen mit einem Gesicht, mit einer oft erschütternden Geschichte, aber auch mit Hoffnungen und Träumen, die uns alle verbinden. Wie der afrikanische Lehrer die deutschen Schülerinnen und Schüler kurz vor ihrem Abitur darin bestärkte, ihre eigenen Gaben zu entdecken und Freude darin zu finden, sie auch anderen anzubieten, das war schon beeindruckend. Aber auch Samira A. In fließendem Deutsch erzählte sie in vier Schülergruppen, was sie in den letzten zwei Jahren erlebt, durchlitten und was ihr geholfen hat, den Mut nicht zu verlieren.

Hier möchte ich ihr Platz geben, auch den Lesern das zu erzählen: „Vor zwei Jahren kamen mein Ehemann und ich nach Deutschland. Wir mussten unser altes, zerbrochenes Leben hinter uns lassen. Die vielen Rückschläge, unsere bedrohte Situation in der politischen Lage des Iran trieben uns zu der Entscheidung, alles dort zu verlassen. Unser neues Leben in Deutschland begann im Zentralen Aufnahmelager in Eisenhüttenstadt. Das war schlimm. Mir fehlten meine Familie, meine Freunde, meine Arbeit. Ich konnte kein Deutsch und durfte nicht arbeiten. Ich hatte keine Freunde. Mich quälte der Schmerz um meine zurückgelassene kranke Mutter. Jeden Tag weinte ich viel. Doch dann geschah etwas, das ich nie vergessen werde. Immer wieder besuchten uns dort Christen. Sie luden uns in die Kirche ein. Aber was sollte ich dort? Ich war Muslima. Im Iran gibt es keine andere Möglichkeit. Irgendwann erzählten sie mir, dass sie für uns beten. Das berührte mich zutiefst.

Wer waren diese Menschen? Sie kannten uns doch gar nicht! Eigentlich war ich nur in den Gottesdienst gegangen, um nicht so einsam zu sein, und dann war mir Gott begegnet und hatte mich berührt. Ich fing an, die Bibel zu lesen. Als ich in die Kirche kam, musste ich lachen. Es war ganz anders als in der Moschee. Es kam mir vor, als hätten Christen keine Gottesfurcht. Alle waren fröhlich. Die Entscheidung für Jesus veränderte alles. In ihm fand ich Hoffnung, Trost und Gottes Gegenwart. Ich habe durch Jesus die Ruhe in meinem Herzen wieder gefühlt. So bekam ich auch die Kraft, fleißig Deutsch zu lernen, ein Praktikum in einer Firma zu machen. Diese bot mir danach einen Ausbildungsplatz an. Jetzt beginne ich die Ausbildung. Mein Mann macht eine Weiterbildung, damit auch er hier arbeiten kann.“

Samira A. hat „Frau Sorge“ nicht das Feld überlassen. Ich danke ihr und alle Geflüchteten, die uns diese Haltung vorleben.

Letzte Änderung am: 24.09.2018