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Die Hoffnung klingen lassen

Trotz schwierigem Start ins neue Jahr kommt es darauf an, positive Blickwinkel auf das Leben zu stärken.

Von Pfarrer Friedemann Düring, Öffentlichkeitsarbeit und "Erwachsen glauben" im Kirchenkreis

Mit welcher Hoffnung sind Sie ins neue Jahr gestartet? Haben Sie zum Jahreswechsel auch gedacht, endlich ist dieses schwierige Jahr 2020 zu Ende, das neue wird hoffentlich besser verlaufen? Und wenn Sie diese Hoffnung hatten, ist die womöglich schon nach wenigen Tagen verflogen?

Mich beschäftigt diese Frage, denn selten habe ich in der öffentlichen Meinung und den Medien eine solche Ernüchterung wahrgenommen wie in diesen Tagen. Hoffte man vor dem Jahreswechsel noch auf einen gelungenen Start der Impfkampagne, wird nun wenige Tage später bereits kritisiert, wie langsam doch alles gehe und was alles nicht rund läuft. Und genauso werden die weiterhin leider notwenigen Einschränkungen des öffentlichen Lebens aufs Korn genommen, wo es noch vor kurzem hieß, dass der Lockdown noch viel härter hätte sein müssen. Wer online, im Fernsehen oder in Printmedien die Lage verfolgt, der kann die Ernüchterung mit Händen greifen.

Ich möchte nun allerdings überhaupt nichts schönreden. Auch mir fehlen persönliche Begegnungen mit Freunden, Kolleginnen und Kollegen. Mich belastet es, schon wieder das eigene Kind im Homeschooling unterrichten und sich dabei mit der schlecht funktionierenden Berliner Online-Lernplattform herumschlagen zu müssen. Und es macht mir Angst, dass inzwischen auch Bekannte und Freunde an Corona erkrankt sind, immer mehr schwer Erkrankte und Verstorbene zu beklagen sind. Und dennoch überrascht es mich, wie sich der zunächst hoffnungsvolle Blick auf das Jahr 2021, wie ich ihn wahrgenommen habe, so schnell in sein Gegenteil verkehren konnte.

Woran liegt das, frage ich mich? Wahrscheinlich zuallererst an einer falschen Erwartungshaltung. Das Virus aber hält sich nicht daran. Hoffnung hat viel mit Erwartungen zu tun, und die speisen sich aus den Blickwinkeln, aus denen wir das Leben betrachten und deuten. Man kann diese Zeit als eine des Scheiterns sehen: Wir alle haben wesentlich zu dieser Krise beigetragen, durch unser Konsumverhalten und vieles andere mehr. Das Corona-Virus zeigt uns eindrücklich und bedrückend die Grenzen unseres bisherigen Lebensstils auf. Und man kann daraus eine Geschichte der Zaghaftigkeit und fehlenden Klarheit im politischen Handeln erzählen. Nicht vergessen werden sollen dabei die Erfahrungen von Einsamkeit und von existenziellen Nöten, gerade zum Weihnachtsfest; Erzählungen von Menschen, die sich allein gelassen fühlen. Dann werden die hoffnungsvollen Klänge des Lebens schnell verstummen.

Man kann diese Krise aber auch als Chance deuten: Dass in so kurzer Zeit ein Impfstoff gegen dieses heimtückische Virus gefunden wurde, hat es noch nie in der Menschheitsgeschichte gegeben. Dass die Digitalisierung des öffentlichen und privaten Lebens so vorangeschritten ist, stimmt neben allen Risiken und Problemen auch zuversichtlich. Familientreffen per Zoom oder Skype am Weihnachtsbaum, Christvespern im Fernsehen und Online: Viel Kreativität wurde sichtbar und womöglich auch mehr Zeit für die Familie, die manch eine und einer genießen konnte. Manches tut eben auch gut in diesen Tagen.

Aus unterschiedlichen Blickwinkeln auf das Leben schauen, verschiedene Perspektiven wahrzunehmen und auszuhalten ist aber nur ein Baustein, der Hoffnung zum Klingen bringen kann. Für mich als Christen trägt noch eine weitergehende, die religiöse Perspektive dazu bei. Es ist der Blick auf Gott, der nahe bei uns Menschen sein will.

Dieser Blickwinkel kommt für mich zum Beispiel in einem Gedicht des Theologen und Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffers zum Ausdruck. Er hat es im Dezember 1944 in der Gestapo-Haft in Berlin-Tegel verfasst. Es ist sein letzter erhaltener theologischer Text vor seiner Hinrichtung am 9. April 1945 und heute ein oft gesungenes Lied. Im Kehrvers heißt es: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“ Bonhoeffer wusste sich bei allen Zweifeln und existenziellen Nöten bei Gott geborgen, vielen hat er damit Trost und Hoffnung gegeben, obwohl seine eigene Situation so bedrückend war.

Ich lasse mich von diesem Gedicht gerade in diesen schwierigen Tagen gerne mitnehmen und tragen. Und ich wünsche Ihnen ähnliche Gewissheiten, auch dann, wenn Sie sich für religiös unmusikalisch halten.

Letzte Änderung am: 18.01.2021