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Bitten statt fordern

Wer bittet, nimmt sein Gegenüber sehr ernst und respektiert es als gleichwertiges Ich

Von Kreisjugendpfarrerin Julia Daser, Kirchengemeinde Luckenwalde

Die Lage ist angespannt. Eine Weile lang hatte ich das Gefühl, die Menschen wachsen wieder zusammen. Das gemeinsame Ziel war klar: die Verbreitung der Pandemie sollte aufgehalten werden. Der Rückzug in die eigenen vier Wände – so es denn welche gab – war nicht schön, aber wurde hingenommen. Wir für uns sozusagen.

Mit den Lockerungen kommen nun wieder die Begehrlichkeiten. Welches Geschäft darf öffnen, welches nicht. Wieso geht es in diesem Bundesland, in jenem aber nicht. Welchen Kindern steht eine Kita-Betreuung zu. Bundesligaspieler dürfen sich beim Kicken nahe kommen, aber ich darf nicht mit meinen Freunden auf einer Wiese liegen.

Ich verstehe das. Ich will auch nicht zu kurz kommen, und wo knallharte Existenzängste dahinter stehen, verstehe ich das noch viel mehr. Gleichzeitig habe ich eine Sorge: Dass aus dem Wir für uns – ein Ich für mich, damit ich nicht untergehe, wird.

In Worte fassen kann ich mein Unbehagen, seitdem ich mich mit dem Thema des Sonntags beschäftige. Er trägt in der Kirche den Namen „Rogate“ – „Betet“. Beten ist kein Wunscherfüllungsprogramm. Diese Erfahrung teile ich persönlich wohl auch mit vielen anderen. Zwar ist es schon so: Manches, worum ich Gott gebeten habe, ist eingetreten; wenn auch manchmal erst nach vielen Jahren. Aber so einiges auch nicht. Und darunter waren auch durchaus hehre, auch sehr selbstlose Bitten.

Dennoch bin ich davon überzeugt: Beten ist wichtig und es hilft. Es hilft, wenn ich mein Beten wirklich als das verstehe, was in dem Wort drin steckt: als Bitte. Nicht als Forderung an Gott, sondern als Bitte. Zwei Gedanken dazu: Zum einen meine ich, eine echte Bitte kommt aus tiefstem Herzen. Und deshalb ist es gut, ins eigene Herz zu blicken, wenn ich einen Wunsch habe. Das ist gar nicht so einfach.

In der gewaltfreien Kommunikation habe ich gelernt, dass hinter unseren Wünschen Bedürfnisse stehen. Ein Bedürfnis ist etwas Grundlegendes: Neben Essen, Trinken und Schlafen gibt es das Bedürfnis nach Sicherheit (das zum Beispiel erfüllt wird durch eine Wohnung, durch Arbeit und Geld), ein soziales Bedürfnis (zum Beispiel nach Freundschaft, Liebe und Zugehörigkeit), ein Ich-Bedürfnis (zum Beispiel nach Anerkennung) oder das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung. Was ich daran als hilfreich erlebe: Wenn ich auf mein Bedürfnis hinter dem reinen Wunsch schaue, dann macht mich das unabhängiger von dem konkreten Wunsch.

Mein Bedürfnis kann so, aber auch anders gestillt werden. Wer von den eigenen Bedürfnissen spricht, lässt sich ins Herz schauen. So viel Vertrauen ist ein kostbares Geschenk. Zum anderen denke ich: bitten, das ist das Gegenteil von fordern oder abverlangen. Ob ich jemand anderem bittend gegenübertrete – oder fordernd, das sagt schon viel aus über meine grundsätzliche Lebenshaltung. Wer bittet, nimmt sein Gegenüber sehr ernst, respektiert es als gleichwertiges Ich. Die oder der möchte sein Gegenüber weder verletzen noch ihm Gewalt antun. Wer bittet, sucht nach einem gemeinsamen Nenner – wo können wir uns treffen nach meiner Bitte.

So eine Haltung ist die Suche nach Gemeinschaft. Die Forderung hingegen funktionalisiert das Gegenüber. Es ist nicht mehr gleichwertiges Ich, sondern nur noch Erfüller von Forderungen – und solange der Erfüller von Forderungen Leistungen bringt, ist alles gut. Bringt er oder sie aber keine Leistungen mehr oder gibt es da nichts mehr, was ich gebrauchen kann, wird das Gegenüber fallen gelassen. Die oder der Fordernde sucht nicht nach Gemeinschaft, sondern lediglich nach dem eigenen Vorteil. Deshalb meine ich: Beten ist wichtig und es hilft. Es ist wichtig für die Einübung einer Haltung. Die, sich in ein echtes Gespräch mit dem Gegenüber zu begeben, mit Reden und Zuhören. Mit der Suche nach Gemeinsamkeiten. Mit der Suche nach Kompromissen.

Und es hilft: weil ich in mich reinschaue und gleichzeitig etwas von mir blicken lasse. Und ich glaube: Auf dieser Ebene des Herzens kann es zu gelungener Kommunikation kommen. Zu einer betagten Ordensfrau kam eine ältere Dame und klagte: „Viele Jahre habe ich meine täglichen Gebete gesprochen, doch nie habe ich dabei die Nähe Gottes gespürt.“ – Da fragte die Nonne: „Haben Sie Gott die Gelegenheit gegeben, ein Wort einzuwerfen?“ – „Wie das“, entgegnete die Frau, „nein, ich habe die ganze Zeit zu ihm gesprochen, das ist doch Beten!“ – „Nein“, sagte die Nonne, „ich glaube nicht. –

Ich empfehle Ihnen, dass Sie sich täglich eine Viertelstunde Zeit nehmen, einfach dazusitzen und zu stricken. Und lassen Sie Gott bei Ihrem Stricken zuschauen. Mehr brauchen Sie nicht zu tun. Ja, ihn nur beim Stricken zuschauen lassen! Jeden Tag eine Viertelstunde lang.“ Die Frau wunderte sich über den Vorschlag, bedankte sich und ging. Schon nach einer Woche kam sie wieder und sagte: „Merkwürdig, wenn ich zu Gott meine Gebete spreche, bin ich wie taub für Gott. Doch wenn ich still vor ihm dasitze, stricke und schweige, dann fühle ich mich in seine Nähe eingehüllt.“

Das wünsche ich mir für unser Zusammenleben mit Gott ebenso wie mit anderen Menschen: Dass die Lage sich so entspannt wie beim Stricken. Dass ich und du, dass wir uns zeigen und dabei die Erfahrung machen: Ich werde gesehen. Dass wir reden, aber auch hinhören. Dass wir bitten statt zu fordern. Dass es bleibt bei einem Wir für uns.

Letzte Änderung am: 18.05.2020