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Vom Müßiggang

Nach Aus-Zeiten sind Herz und Hirn wieder aufgeladen und man schenkt sich selber mehr Aufmerksamkeit

Von Pfr. Carsten Rostalsky, Ev. Kirchengemeinde Dahme/Mark

Wenn wir Glück haben, dann kriegen wir es hin und können zwischen den Jahren – also die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr – einen Gang runterschalten. Gelingt es uns tatsächlich, dann muss nach den Feiertagen wieder alles pünktlich auf Betriebstemperatur hochgefahren werden, um sich nicht den Vorwurf „Müßiggang ist aller Laster Anfang“ einzuhandeln.

Vielen geht es so, dass sie auch im Urlaub kaum zu wirklich innerer Ruhe kommen. Die Arbeitshektik läuft in der Freizeit noch eine Weile weiter wie ein Motor, den man nicht abstellen kann. Wenn wir wieder zu uns kommen wollen, müssen wir als erstes lernen, uns selbst im Nichtstun zu ertragen. Weil das so schwer fällt, lernen die meisten sogenannte „nutzlose“ Unterbrechung nur kennen, wenn ihr Körper sie dazu zwingt, weil er krank wird. Wenn uns eine Grippe niederstreckt oder gar ein Sturz mit Fraktur es unmöglich macht, unsere Termine einzuhalten, dann ahnen wir: Der Körper ist schlauer als wir selbst. Und nicht selten reagieren wir – trotz Schmerzen – erleichtert, dass wir auf diese Weise eine Pause „geschenkt“ bekommen haben.

Warum kriegen viele ein schlechtes Gewissen, wenn sie an Freizeit nur denken? Bei den alten Römern war das anders. Im Lateinischen heißt „otium“ die Muße, die Freizeit. Das Gegenteil ist „negotium“, die Arbeit. Der durch Verneinung entstandene Begriff ist sprachlich oft der geringere, denn er ist durch Ableitung entstanden: die Arbeit (wörtlich: die Nicht-Muße). Die eigentliche Zeit der römischen Kultur war der Müßiggang.

Anders im Deutschen: Die arbeitsfreie Zeit hat den geringeren Rang. Müßiggang wird leicht mit Faulheit oder Trägheit in Verbindung gebracht. Das ist eines der sieben Hauptlaster der christlichen Theologie. Konjunktur hatte dieses Arbeitsethos in einer Epoche, als Freizeit jahrhundertelang ein Privileg des Adels, der oberen Schichten und des Klerus war.

Der dänische Philosoph und Theologe Søren Kierkegaard kann im 19. Jahrhundert der Muße viel abgewinnen: „An sich ist Müßiggang durchaus nicht eine Wurzel allen Übels, sondern im Gegenteil ein geradezu göttliches Leben, solange man sich nicht langweilt.“ Noch erfrischender notiert es Astrid Lindgren in ihr Tagebuch: „Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach nur dazusitzen und vor sich hinzuschauen.“ Lindgrens Romanhelden von Pippi Langstrumpf bis Michel machen es uns vor. Träumen, Tanzen, Singen, Malen sind ganz wichtig. Auch und gerade für Erwachsene. Wir brauchen solche Aus-Zeiten, zweckfrei, die einfach nur gut tun. Die Erfahrung zeigt doch, dass nachher Herz und Hirn neu aufgeladen sind. Von wegen „aller Laster Anfang“ oder Faulheit. Mit Muße beginnen viele gute Ideen. Astrid Lindgren hat recht. Es lohnt sich, „einfach nur dazusitzen und vor sich hinzuschauen.“

Noch was: Die richtige Balance zwischen Arbeit und Freizeit zu finden war offenbar schon früher ein Problem und kein Phänomen der Neuzeit. Der Zisterzienserabt Bernhard von Clairvaux, eine der machtvollsten Persönlichkeiten des 12. Jahrhunderts, schreibt an Papst Eugen III.:„Wenn alle Menschen ein Recht auf Dich haben, dann sei auch Du selbst ein Mensch, der ein Recht auf sich selbst hat. Warum solltest einzig Du selbst nichts von Dir haben? ... Wie lange noch schenkst Du allen anderen Deine Aufmerksamkeit, nur nicht Dir selber?“

Letzte Änderung am: 14.01.2019