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Der Hauptsinn des Lebens ist das Leben selbst

Um besser mit dem Alltäglichen klarzukommen, genügt es manchmal sich klarzumachen, wo man steht und welche Verpflichtungen man tatsächlich hat.

Von Pfarrer Michael Bolz, Ev. Kirchengemeinde St. Anna Löwenbruch und Pfarrsprengel Ahrensdorf

Der Sonntag Septuagesimae gehört im evangelischen Kirchenjahr zu einer kurzen aber, wie ich finde, merkwürdigen Zeit. Diese Zeit umfasst nur wenige Sonntage und wird ganz unspektakuläre „Vor-Passionszeit“ genannt. Wir sind also nicht mehr im Weihnachtsfestkreis und noch nicht so richtig im Osterfestkreis, sondern eben in der Zeit vor der Passions- oder Leidenszeit Jesu Christi.

In dieser Zeit hören wir den Monatsspruch für den Februar. Er steht im ersten Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth (7,23): „Ihr seid teuer erkauft, werdet nicht der Menschen Knechte.“ – Was für eine Zusage an uns Menschen?! Teuer erkauft! Nicht irgendwelche billige Ramschware, die niemand haben möchte, sind wir Mensch; nein, sondern teuer erkauft. Wir haben von Gott und vor Gott einen großen Wert. Er hat uns teuer erkauft. – Und dann der zweite Teil „Werdet nicht der Menschen Knechte“. –

Ich mache kein Geheimnis daraus, ich mag diesen Vers aus dem ersten Korintherbrief. Für mich hat er etwas Wachrüttelndes, etwas Trotziges und etwas Mutiges. Ja, vielleicht mag ich ihn auch deshalb so gerne, weil ich mir gar oft als Knecht oder Sklave vorkomme. Gefangen in den alltäglichen Strukturen, die ja oft eher etwas kleinmachendes haben und weniger etwas Mut machendes. Dann sage ich es mir selber: „Michael, du bist teuer erkauft! Ist dir das überhaupt bewusst? Mach dich nicht selber klein und lass dich nicht klein machen vom Alltag, sondern stell dich ihm entgegen! Du bist kein Sklave, sondern ein freier Mann!“ So oder so ähnlich klingt das dann. Und ich glaube, es ist wichtig, solche oder andere Sätze zu haben und sie sich ab und zu auch selbst zuzusprechen, wenn es keine andere Person tut.

Und vielleicht gelingt es uns dann, doch etwas besser mit dem Alltäglichen umzugehen. Vielleicht können wir dann wahrnehmen, ja ich kann ja doch etwas an dem drehen, was mich manchmal einfach nur nervt und müde macht. Ich bin nicht allem ausgeliefert ohne jegliche Möglichkeit, etwas mitzugestalten. Manchmal genügt es vielleicht schon, sich klarzumachen, wo ich stehe und wo meine Aufgaben, meine Arbeit, meine Verpflichtungen stehen.

Lebe ich, um zu arbeiten? Oder arbeite ich, um zu leben? Könnte so eine Frage lauten, die die Prioritäten in meinem Leben wieder einmal in die richtige Ordnung bringen will. Natürlich arbeite ich, um zu leben. Ich lebe aber nicht, um zu arbeiten. Denn der Hauptsinn des Lebens ist das Leben selbst. Es ist ein Geschenk, das ich voller Freude auspacken darf. Es ist kein Zwang zur Arbeit. Vielleicht können solche zurechtrückenden Fragen mich bestärken, fröhlicher, und hoffnungsvoller zu leben und zu wissen, ich kann vielleicht mein Leben nicht komplett so gestalten, wie ich es gerne hätte, aber ich muss es auch nicht so leben, dass jegliche Freude auf der Strecke bleibt.

Ich lebe des Lebens wegen und nicht der Aufgaben wegen. Gott hat mich teuer erkauft. Ich bin wer und ich darf auch gerne mal laut und deutlich sagen: Ich habe genug! Wenn Gott mich teuer erkauft hat, dann sollte ich mich nicht unter Wert weiterverkaufen. Und da Gott mich als freier Herr ansieht, darum darf auch ich mich als freier Herr ansehen und muss mich nicht als Sklave fühlen oder mich so verhalten. Und wie schön ist es, wenn ich begreife, dass ich nicht nur eine Nebenrolle im Film meines Lebens spiele, sondern dass ich die Besetzung vornehmen kann und mit Gott gemeinsam am Drehbuch schreiben kann.

Gemeinsam mit Gott, der die Rolle „Sklave“ aus dem Drehbuch meines Lebens gestrichen hat und der das Wort „Trauerspiel“ wegradiert hat und stattdessen „Freudenspiel“ eingefügt hat. Ihnen eine gesegnete Vor-Passionszeit!

Letzte Änderung am: 17.02.2020