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Läutende Glocken, singende Menschen

Ein Höhepunkt der zu Ende gehenden Reformationsdekade wird die Festaufführung des „Paulus“ von Felix Mendelssohn Bartholdy

Von Kreiskantor Peter-Michael Seifried, Jüterbog

Das war’s – war’s das wirklich? Zwischen dem Text des Rilke Gedichtes „Herr: Es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und auf den Fluren lass die Winde los. Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen….“ Und dem Volkslied „Bunt sind schon die Wälder, gelb die Stoppelfelder, und der Herbst beginnt. Rote Blätter fallen, graue Nebel wallen, kühler weht der Wind“ liegen Welten – sicher auch und besonders durch die Verbindung von Text und Melodie.

Selten wird die verändernde Kraft der Musik so deutlich wie an diesem zu singenden Liedtext im Vergleich zum Gedicht. Durch die Melodie werden die grauen wallenden Nebel und auch der kühler werdende Wind sozusagen beschwingt, ja, man singt es fröhlich und mit positiver Grundeinstellung zu der nun ja ganz offenkundig eingekehrten Jahreszeit. Melodien deuten Texte, können die Stimmung des Textes verstärken, können Botschaften – auch unbequeme Botschaften transportieren.

Der Satz „wo man singt, da lass dich…“ stimmt eben nicht, gerade die Verführer und „bösen“ Menschen haben Lieder. Unsere Geschichte der vergangenen achtzig Jahre bietet da Anschauungsmaterial in Fülle. Welch schwungvolle Melodien gossen – und gießen – Propaganda in die Köpfe der Jugendlichen und Erwachsenen. Verantwortungsvoll mit Texten und Melodien umzugehen ist und bleibt eine der wichtigen Aufgaben von uns allen.

War’s das? Nach zehn Jahren geht die Reformationsdekade in die letzten Tage, haben evangelische und katholische Christen ihren Reichtum an Erbe und Visionen der gemeinsameren Zukunft ausgetauscht – mehr wäre schön gewesen, weniger wäre schade. Auf einem Gebiet herrscht aber eitel Einigkeit – Luther und die Reformatoren sind reich präsent im katholischen Gesangbuch Gotteslob, katholisches Liedgut gehört zu den Schlagern im evangelischen Gesangbuch. Ganz selbstverständlich haben sich Lieder beider Konfessionen in den Alltag gesungen – man denke nur an die zum Volksgut gewordene Advents-/Weihnachtspalette.

Viele Kinderlieder („Vom Himmel hoch“ und andere) übersetzten Theologie in fröhlich singbare Texte, Texte die trösten können, Kraft geben („Ein feste Burg“, „Aus tiefer Not“). Aber auch aktuelle politische Botschaften waren Luther in seinen Texten wichtig – „Erhalt uns Herr bei deinem Wort – und steur (beende) des Papsts und der Türken Mord“ war gesungenes Gebet um Frieden in den Wirren der Reformationszeit. Dieser – auch aktuelle – Umgang mit unserem Leben in den Liedern als großer Schatz bleibt hoffentlich dauerhaft immer wieder als Anregung bestehen, auch nach dem Jahr 2017.

Luther wusste um den Zusammenhang von Atem und Stimme, von der Person (personare – durchklingen) und der gesungenen kräftigenden Botschaft. Er verband bekannte Melodien mit neuen Texten – die Menschen lernten mit Leichtigkeit auf diese Weise auch vielstrophige Lieder. Vor 500 Jahren hat sich der Aufbruch der Kirche zur Reformation ganz wesentlich auch durch das Singen durchgesetzt.

Das ist auch heute unsere Erfahrung in den Orgelkursen – viele „nichtkirchengebundene“ Menschen finden über die Musik, die Instrumente und die Räume Zugang zu neuen Erfahrungen, Menschen, Dimensionen. (Neue Kurse beginnen übrigens ab 1. November im Landkreis Teltow-Fläming und darüber hinaus.)

Höhepunkt der zu Ende gehenden Reformationsdekade werden am 31. Oktober 2017 die vielen offenen Kirchen sein – läutende Glocken, singende und betende Menschen an allen Orten und eben nicht nur zentralisiert in den Städten.

Ein besonderer Höhepunkt ist schon am 29. Oktober um 17 Uhr die Festaufführung des „Paulus“ von Felix Mendelssohn Bartholdy in St. Nikolai in Jüterbog. Auch dort erleben wir die Kraft der Musik, Emotionen zu wecken und zu bändigen. Lassen Sie sich einladen in die Welt dieses selten bei uns aufgeführten Werkes für Chor, Orchester, Solisten – genießen auch Sie den beginnenden Herbst in Nachdenklichkeit in den Wäldern, Wiesen, Dörfern und Kirchen.

Letzte Änderung am: 09.10.2017