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Ein Lichtermeer in der Dunkelheit

Der heilige Martin hat die Nächstenliebe nicht nur gekannt, sondern gelebt

Von Pfarrer Franziskus Jaumann, Pfarrsprengel Bestensee-Gräbendorf

In weiterer Vergangenheit als mir lieb ist, bin ich einst mit Laterne und Teelicht durch die Straßen gelaufen. Mein Licht ging aber immer schon aus, lange bevor ich nach Hause gegangen bin. Heute, viele Jahre später, ziehe ich wieder mit einer Laterne durch die Straßen, nun mit den Laternen meiner Kinder. Und dank dem Wunder der modernen Technik, können die Lichter heute nur noch ausgehen, wenn die Batterien leer sind.

„Ich geh’ mit meiner Laterne und meine Laterne mit mir. Dort oben leuchten die Sterne, und unten, da leuchten wir. Ein Lichtermeer zu Martins Ehr... .“ Sankt Martin ist der Grund, warum wir uns einmal im Jahr mit den Kindern aufmachen und in Erinnerung an seinen Tod und sein Leben ein Lichtermeer in der Dunkelheit leuchten lassen.

Seit mehr als 1500 Jahren erzählt man sich die Geschichte vom Heiligen Martin, vom Römer Martinus, der Soldat war, vom Soldaten, der Christ wurde, vom Christ, der Mönch wurde, und vom Mönch der Bischof Martin von Tours wurde und dann zum Heiligen aufgestiegen ist. Manches ist im Laufe der Geschichte dazugekommen, manches weggelassen worden, doch in allen Erzählungen hat eine Geschichte die Jahrhunderte überdauert: An einem kalten Wintertag erblickte der Soldat Martinus an einem Stadttor einen armen Mann, viel zu dünn bekleidet für die Kälte des Tages. Außer seinen Waffen und seinem Militärmantel trug Martin nichts bei sich. Nichts, was er hätte geben können, um das Leid, das er sah zu mildern. Nichts? Doch, denn er zog sein Schwert und teilte damit seinen Mantel in zwei Teile, ein Stück behielt er, das andere gab er dem Armen.

Der Heilige Martin. Ich, als Protestant, tue mich mit der Heiligenverehrung etwas schwer, nicht nur, aber auch, weil sie Luther doch ganz bewusst abgeschafft hat. Doch was macht eigentlich einen Heiligen zum Heiligen? Das Formular der Katholischen Kirche fordert den Nachweis eines heroischen Lebens und eines Wunders. Beides hat Martin über alle Maßen erfüllt. Er war asketischer Mönch, der auch noch ein Kloster gegründet hat, und er war von großer Bescheidenheit. Und an Wundern mangelt es auch nicht, denn er soll Tote auferweckt und Kranke geheilt haben.

Und doch ist nichts davon Teil der Geschichte, die wir jedes Jahr aufs Neue erzählen, aufs Neue sehen, aufs Neue hören.

Etwas ganz anderes hat die Jahrhunderte überdauert. Dass ein Mensch, in seiner Stellung so viel höher als der arme Bettler, die Not und das Leid in den Augen des anderen gesehen hat. Dass er die Augen nicht verschlossen hat, nicht weiter geritten ist, sondern stehen blieb und das gab, was er konnte: die Hälfte seines Mantels.

Jesus Christus spricht: "Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet... Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“ (Mt 25, 36.40). Der heilige Martin hat die Nächstenliebe nicht nur gekannt, sondern gelebt. Und wenn die Nächstenliebe der Maßstab eines Heiligen ist, dann glaube ich gerne wieder an Heilige und reihe mich ein mit meiner Laterne, zünde mein Licht an in der Dunkelheit und singe: „Ich geh’ mit meiner Laterne und meine Laterne mit mir. Dort oben leuchten die Sterne, und unten, da leuchten wir. Ein Lichtermeer zu Martins Ehr… .“

Letzte Änderung am: 20.11.2017