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Der Schmerz verwandelt sich in Dankbarkeit und Liebe

Am Ewigkeitssonntag gedenken wir unserer Verstorbenen, verbunden mit dem Glauben, dass keiner verloren geht, auch im Tod nicht.

 

Von Pfarrerin Stephanie Hennings, Ev. Kirchengemeinde Luckenwalde

Totensonntag. Er weiß nicht, ob er diesem Tag gewachsen sein wird. Es sind jetzt neun Monate her, gefühlt aber bloß wenige Wochen, dass seine Frau Helga verstarb. Manchmal ertappt er sich zuhause dabei, wie er sanft über den Sessel streicht, wo sie immer gesessen hatte, und wie er sich in Erinnerungen verliert. Schöne und schwere Zeiten haben sie zusammen erlebt. Einige glückliche Momente sind immer noch lebendig und bringen ihn zum Schmunzeln. Und sogleich fühlt er unvermittelt sofort wieder den Schmerz, den ihr Tod bei ihm ausgelöst hat. Sie ist nicht mehr da. Sie können sich nichts mehr sagen. Er fühlt sich amputiert, unvollständig. Er fühlt sich unverstanden, wenn manche sagen, er dürfe sich nicht so zurückziehen.

Und jetzt dieser Totensonntag. Ihr Name wird im Gottesdienst noch einmal genannt werden. Er wird ein kleines Gesteck auf ihr Grab legen. Es ist ihm wichtig, dass Helga nicht vergessen wird und doch fürchtet er sich vor diesem Tag.

Inge bekommt Ruhe, wenn sie an den letzten Sonntag im Kirchenjahr denkt. Sie nennt ihn lieber „Ewigkeitssonntag“. Der Gedanke an Ewigkeit tröstet sie. Sie trauert noch um ihren Herbert, der im Sommer verstarb. Aber für sie steht an diesem Tag die Hoffnung im Mittelpunkt. Die Hoffnung, die aus dem Glauben kommt, dass keiner verloren geht, auch im Tod nicht. Der Gedanke, dass Herbert so wie die anderen geliebten Menschen, die verstorben sind, nun bei Gott geborgen ist, tröstet sie. Das hilft ihr auch, die Vergangenheit loszulassen, nicht mit dem Schicksal zu hadern, ihren geliebten Herbert gehen zu lassen.

Für mich gehören beide Seiten zum letzten Sonntag im Kirchenjahr: Totensonntag und Ewigkeitssonntag. Der Schmerz über den Verlust eines lieben Menschen soll nicht kleingeredet werden. Er lässt sich eben nicht durch Zureden beiseite schieben. Aber im Laufe der Zeit verwandelt sich der Schmerz in Dankbarkeit und Liebe für die geschenkte gemeinsame Zeit. Das geschieht nicht in kurzer Zeit. Das ist auch kein Selbstläufer. Aber der erlebt es, der den Blick nicht von der Angst vor Tod und Einsamkeit erstarren lässt.

Der in sich hineinhört und merkt, wie die Kraft der Liebe, die das Zusammensein einst ausgemacht hatte, nicht aufgehört hat, ja, sich immer noch entfaltet. Erinnerungen an Geschichten dieser Liebe tun weh, sind aber heilsam. Sie bringen Trost. Sie bringen Hoffnung. Und die Gewissheit, dass die Verstorbenen bei Gott gut aufgehoben sind. Denn Gott ist die Liebe. Und Liebe macht lebendig. Und wenn Liebe über den Tod reicht, dann gibt es Leben über den Tod hinaus. Das eigentlich Unmögliche wird nun sagbar: Dass die Toten leben werden, auch wenn sie gestorben sind.

Zugegeben: Wer so redet, versteht selbst nicht, sondern ahnt nur, was er da eigentlich sagt. Aber am letzten Sonntag im Kirchenjahr – und wann immer wir an unsere geliebten Verstorbenen denken – reden wir diese Sprache. Aus Trotz gegen den Tod und aus Liebe zu unseren Toten. Und es schert mich nicht, dass man uns Christen Ungereimtheiten nachsagen kann. Liebe macht die Sprache der Logik still.

Die Hoffnung, die Sehnsucht, der Glaube spricht. Die Toten werden leben, denn Gott hat dazu einen Weg bereitet, als er aus Liebe Jesus Christus vom Tod auferweckte. Und diese Hoffnung auf Leben, die nun für alle gilt, für die Verstorbenen Helga, Herbert und die vielen anderen, und die auch für uns gilt, möchte ich nicht missen. Denn sie gibt große Kraft. Und genau diese Kraft wünsche ich Ihnen, wenn Sie nun morgen Ihrer Verstorbenen gedenken. 

Letzte Änderung am: 11.12.2017