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Wie viel brauche ich eigentlich zum Leben?

Nachdenken in der Passionszeit über das Fasten für Klimaschutz und Klimagerechtigkeit

Von Pfarrerin Mechthild Falk, Ev. Kirchengemeinde St. Nikolai Jüterbog

Aweet ist 10 Jahre alt, ein Mädchen aus einer Nomadenfamilie in der Turkana. Die Turkana-Wüste liegt im Norden Kenias. Mit den Tieren umherwandern kann ihre Familie aber nicht mehr, da es kaum noch Weideland und noch weniger Wasser gibt. So hat die Familie sich an einem schattenlosen Platz niedergelassen mit ihren 27 Ziegen. Die Aufgabe der ältesten Tochter ist es, das Wasser zu holen.

Aweet läuft viermal am Tag mit einem Plastikkanister auf dem Kopf bei 50 Grad Celsius zu einem Brunnen. Jeder Kinderschutz in Europa würde das verbieten. Es gehört zum Überleben. Viermal am Tag fünf Liter Wasser braucht die Familie, um zu leben. Normalerweise gibt es in der Turkana zwei Regenzeiten im Jahr, aber jetzt hat es dort seit Jahren nicht mehr geregnet. Das führt zu einem Überlebenskampf, den auch die Kinder kämpfen müssen.

Grund für den ausbleibenden Regen ist der Klimawandel. So erfuhren es Kinder und Erwachsene in Deutschland in einem eindrücklichen kleinen Film von Willy Weitzel zur diesjährigen Sternsingeraktion – anzusehen auf www.sternsinger.de.

Immer wieder muss ich an dieses Mädchen und ihre Familie denken. Zum Beispiel wenn ich davon höre, dass die Uno in vier Ländern Afrikas eine Hungersnot ausgerufen hat. An Aweet muss ich denken, wenn ich höre, dass der neue amerikanische Präsident die Klimapolitik seines Vorgängers rückgängig machen will und wieder verstärkt auf Energie aus Kohle setzt, wo jedes Kind bald weiß, dass gerade der Kohleverbrauch enorme Mengen Kohlendioxid ausstößt – die Hauptursache für den menschengemachten Klimawandel. Präsident Trump will kein Geld mehr ausgeben für die Erforschung und Beobachtung des Klimas. Seine Devise: Augen zu vor dem Elend der Welt. Hauptsache: „America first“. Das entsetzt mich, macht mich sprachlos.

An Aweet in der Turkana denke ich auch, wenn ich die alten Geschichten über das Volk Israel in der Wüste lese. Auch damals ging es ums Überleben. Uns wird im 2.Buch Mose überliefert, wie Gott sein Volk rettete, als es zu verhungern drohte, indem er „Brot vom Himmel regnen“ ließ, das Manna. Beduinen sammeln noch heute diesen süßlichen Ausfluss eines Tamariskenstrauches auf der Sinaihalbinsel als Nahrung.

Das Wunder Gottes zeigt sich aber nicht nur in dieser Versorgung mit Manna, sondern in der mengenmäßig und zeitlich genau abgemessenen Zuteilung: „Ein jeder sammle, soviel er zum Essen braucht, einen Krug voll für jeden nach der Zahl der Leute in seinem Zelt“ (2.Mose 16, 16). Was für eine großartige Lebens- ja Überlebensweisheit liegt in dieser uralten biblischen Weisung: Immer nur so viel, wie du brauchst.

Ich lebe nicht in der Wüste, sondern in einem Haus mit Garten, mit sauberem Leitungswasser und Abwasserleitung. Viel Platz haben wir für Schränke und Regale in den Zimmern, Kellerräumen und auf dem Boden, in Speisekammer, Garage und Gartenlaube. Es ist Platz, um zu horten und aufzubewahren. Unglaublich, was sich da so ansammelt.

Viel zu viel. Wie viel davon brauche ich wirklich? Wie viel Lebensmittel im Vorrat, wie viel Kleidung? „30 Prozent Rabatt auf alle reduzierten Waren“, „50 Prozent Rabatt beim zweiten Paar Schuhe“, da greife auch ich immer wieder zu. Aber brauche ich das zweite Paar Schuhe wirklich? Wie warm muss es in meinem Zimmer sein, braucht meine Buntwäsche es, mit 40 Grad gewaschen zu werden, reichen nicht auch 30 Grad? Und was ist mit meinen Reiseplänen in diesem Jahr? Muss es mit dem Flugzeug sein, wo der Ausstoß von Kohlendioxid enorm hoch ist?

Diesen und anderen Fragen geht eine Fastenaktion unserer Kirche in diesen Wochen der Passionszeit nach. Sieben Wochen lang soll Zeit sein zum Nachdenken darüber, wie viel und was ich wirklich brauche. Zeit, die Schöpfung zu bewahren, etwas zu verändern, anders zu leben, Neues auszuprobieren. Fasten für Klimaschutz und Klimagerechtigkeit. So heißt es in der Broschüre zu dieser Aktion: Klimafasten tut Leib und Seele gut, lässt achtsamer werden, verändert mich und die Welt. Beim Klimafasten geht es darum: mit weniger und anderer Energie zu leben, anders unterwegs zu sein – weniger Auto, mehr Fahrrad –, weniger zu kaufen und zu verbrauchen und mehr Zeit für mich, für Einkehr und Umkehr zu haben.

Ich denke an Aweet, das zehnjährige Mädchen in der Turkanawüste, das täglich jeden Tropfen Wasser für ihre Familie und das Vieh vom Brunnen holen muss. Für sie hoffe ich auf Gerechtigkeit in Sachen Klima. Sie will ich nicht vergessen, wenn ich entscheide, wie viel und was ich wirklich brauche.