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RSSPrint

Mut, Kraft und Wahrhaftigkeit

Durch Fehler kann man dann lernen, wenn man sie sich und auch den Mitmenschen eingesteht

Von Sr. Magdalena Böhm, Abtei St. Gertrud, Kloster Alexanderdorf

Sind Sie schon mal geblitzt worden? Haben Sie sich auch so geärgert wie ich? Eigentlich bin ich doch eine recht vernünftige Autofahrerin, nun gut, manchmal vielleicht etwas rasant. Aber nur einmal nicht aufgepasst, doch etwas zu schnell... und schon bekommt man ein ungewolltes Foto und ein Bußgeld. Mit schweren Herzen zahlt man die Bußgeldaufforderung. Bei mir war es meist nicht zu hoch, doch weh tut es trotzdem. Ganz vergessen kann ich es nicht. Und so achte ich bei der nächsten Autofahrt etwas genauer auf den Tacho. Bei der übernächsten Fahrt bin ich schon nachlässiger und dann falle ich auch schon wieder in meine alte Fahrweise zurück.

Ist das nicht auch oft so in unserem Leben? Wie schnell rutscht ein unfreundliches Wort heraus, ärgern wir uns unnötig, beleidigen unser Gegenüber, verletzen Menschen, die uns wichtig sind. Aber eigentlich bin ich nicht so. Meist sind es die alltäglichen Situationen: nach einem anstrengenden Arbeitstag eine harsche Bemerkung zum Kind; keine Arbeit – und aus dem Gefühl des Nichtgebrauchtwerdens ein beschuldigendes Wort zum Partner; oder aus der Situation der Überforderung ein gereizter Kommentar zu den alten Eltern.

Geblitzt werden wir nicht, aber wir spüren es und es blitzt innerlich in uns auf: Oh, da habe ich was Falsches gesagt, da habe ich Mist gebaut. Eine Bußgeldaufforderung kommt nicht. Doch wir erleben an der Reaktion und dem Verhalten des Anderen: Hier ist etwas schief gelaufen. Das Gegenüber reagiert gereizt oder wendet sich ab.

Aber wie soll ich umgehen mit solch einer Situation? Je nach Begebenheit ist ein klärendes Gespräch hilfreich, eine ehrliche Entschuldigung oder eine kleine Wiedergutmachung. Dies kostet Mut, Wahrhaftigkeit und Kraft. Zum einen muss ich einsehen, dass ich einen Fehler gemacht habe. In unserer Gesellschaft sind es ja eigentlich immer die Anderen oder die Umstände, die verantwortlich gemacht werden. Und zum anderen muss ich es dann aussprechen: Ich habe einen Fehler gemacht, entschuldige bitte. Beides zeugt von innerer Reife und Größe. Dorthin kommt man nicht automatisch. Es braucht Zeit und Erfahrung, und es wird dabei Rückschläge geben. Auch muss ich damit rechnen, dass der andere die Entschuldigung gar nicht annimmt. Dann kann es auch nicht zur Versöhnung kommen. Trotzdem muss ich die Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen, auch wenn bestimmte Umstände und Situationen erklären können, warum ich so gehandelt habe. Die Erfahrung des Lebens zeigt, dass es keinen Streit, keinen Konflikt und kein Zerwürfnis gibt, an dem nur einer allein Schuld ist. Oft tragen alle Beteiligten Verantwortung, vielleicht zu unterschiedlichen Anteilen. Ehrliche Selbsterkenntnis kann dazu führen den ersten Schritt zu tun. Dieser Schritt kann herausführen aus dem Kreislauf des gegenseitigen Beschuldigens.

Den Fehler sehen wir schneller beim Anderen. Jesus sagte einmal deutlich: „Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?“ (Matthäusevangelium, Kapitel 7, Vers 3). Das Hinschieben der Schuld auf den anderen scheint schon zur Zeit Jesu eine Eigenart des Menschen gewesen zu sein. Gott ist keiner, der am Wegesrand unseres Lebens steht und unsere Fehler blitzt und dann ein Bußgeld einfordert. Aber erlädt uns ein, die Situation ehrlich und wahrhaftig anzuschauen. Gott selbst vergibt den Menschen, die zu ihm kommen.

Es gibt einige Bibelstellen, die von Gottes Barmherzigkeit erzählen. Das bekannteste und für mich beeindruckendste Gleichnis ist die Geschichte vom Barmherzigen Vater. Ein Vater nimmt seinen Sohn, der ihn verlassen und sein Erbe verschleudert hat, aber nach Hause zurückkehrt, in den Arm und feiert ohne wenn und aber ein Fest für ihn. Der erste Schritt kommt vom Sohn, er erkennt seinen Anteil und er kehrt um. Und dies verändert vieles.

Und diese Veränderung hin zum Frieden, zur Versöhnung liegt in der eigenen Hand. Jeden Tag haben wir die Möglichkeit es besser zu machen. Rückschläge bleiben nicht aus. Durch Fehler kann man lernen, wenn man sie sich und auch den Mitmenschen eingesteht. Der erste Schritt kann geschehen, wenn ich zu mir wahrhaftig bin und zu anderen barmherziger werde. Denken Sie einfach daran, wenn Sie bei der nächsten unschönen Situation sich innerlich geblitzt fühlen: Auf zum ersten Schritt!